Dem Selbstmord Europas zusehen

Lesedauer 8 Minuten

Zusätzlich zu der sich als Folge der “Impfungen” gegen Covid abzeichnenden Katastrophe begehen die EU-Staaten nun auch wirtschaftlichen und energiepolitischen Selbstmord.  Die russische Denkfabrik Valdai-Diskussions-Club, hat am 5. April 2022 eine Expertendiskussion mit dem Thema Gas gegen Rubel: Kaufen Sie es wenn Sie es können, veranstaltet zu der am 7. April 2022 auf TheCradle.co und TheSaker.is ein Kommentar von Pepe Escobar erschienen ist, den ich hier übersetzt habe.

Die Diskussion im Valdai-Forum wurde auf Russisch geführt und simultan ins Englische übersetzt (Link auf die englische Version). Soweit die Vortragenden Englisch gesprochen haben, wurde simultan ins Russische übersetzt. Ich erwähne das, weil diese Diskussion vor allem auch für die Zukunftsplanung von Russlanddeutschen, die kein oder nur wenig Englisch können, hochinteressant sein dürfte.  Für Leser, die zwar gut Russisch aber nur wenig oder kein Englisch verstehen, verlinke ich die russischsprachige Version hier: Газ за рубли: купи, если сможешь. Дискуссия. Vor allem auch die im Kommentar von Pepe Escobar nur sehr leichte gestreiften Ausführungen von Alexander Losev, Generaldirektor, Sputnik Asset Management, Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP), dessen Vortrag bei Minute 8:00 mit allgemeinen Bemerkungen für das Thema Energie beginnt, sind sehr empfehlenswert wenn man die Zukunftsaussichten der BRD und der EU abschätzen möchte.

Links auf das englische Original von Pete Escobars Artikel:

Beginn der Übersetzung:

Lehnen Sie sich zurück und sehen Sie zu, wie Europa Selbstmord begeht

Wenn es das Ziel der USA ist, Russlands Wirtschaft durch Sanktionen und Isolation zu zerstören, warum befindet sich Europa dann im freien Fall?

Von Pepe Escobar 07. April 2022

Der Wettbewerb Washingtons mit der aufstrebenden Macht Russland ist so hart, dass es bereit ist, Europa zu opfern. Photo Credit: The Cradle. Link auf den Originalartikel https://thecradle.co/Article/columns/8853

Das atemberaubende Spektakel der Europäischen Union (EU), die in Zeitlupe Harakiri begeht, ist etwas für die Ewigkeit. Wie ein billiges Kurosawa-Remake handelt der Film in Wirklichkeit von der von den USA betriebenen Zerschlagung der EU, einschließlich der Umleitung einiger wichtiger russischer Rohstoffexporte in die USA auf Kosten der Europäer.

Es ist hilfreich, eine strategisch gut platzierte Schauspielerin der 5. Kolonne zu haben – in diesem Fall die erstaunlich inkompetente Leiterin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen – mit ihrer lautstarken Ankündigung eines erdrückenden neuen Sanktionspakets: Russische Schiffe dürfen nicht mehr in EU-Häfen einlaufen; Straßentransportunternehmen aus Russland und Weißrussland dürfen nicht mehr in die EU einreisen; keine Kohleimporte mehr (über 4,4 Milliarden Euro pro Jahr).

In der Praxis bedeutet das, dass Washington seine wohlhabendsten westlichen Klienten/Lakaien ausschaltet. Russland ist natürlich zu mächtig, um es direkt militärisch herauszufordern, und die USA benötigen dringend einige seiner wichtigsten Exportgüter, insbesondere Mineralien. Deshalb werden die Amerikaner die EU dazu drängen, immer höhere Sanktionen zu verhängen, die ihre Volkswirtschaften mutwillig zum Einsturz bringen und es den USA ermöglichen, sich alles unter den Nagel zu reißen.

Ein Hinweis auf die kommenden katastrophalen wirtschaftlichen Folgen, die die Europäer in ihrem täglichen Leben spüren (nicht aber die reichsten fünf Prozent): Die Inflation frisst Gehälter und Ersparnisse auf; die Energierechnungen des nächsten Winters sind ein gemeiner Tiefschlag; Produkte verschwinden aus den Supermärkten; Urlaubsbuchungen sind fast eingefroren. Frankreichs kleiner König Emmanuel Macron – der vielleicht eine böse Wahlüberraschung erlebt – hat sogar angekündigt: “Lebensmittelmarken wie im Zweiten Weltkrieg sind möglich.”

Wir haben es in Deutschland mit dem wiederkehrenden Gespenst der Weimarer Hyperinflation zu tun. Der Präsident von BlackRock, Rob Kapito, sagte in Texas: “Zum ersten Mal wird diese Generation in ein Geschäft gehen und nicht bekommen können, was sie will.” Die afrikanischen Landwirte können sich in diesem Jahr überhaupt keinen Dünger leisten, was die landwirtschaftliche Produktion um eine Menge reduziert, mit der 100 Millionen Menschen ernährt werden könnten.

Zoltan Poszar, ehemaliger Guru der New Yorker Fed und des US-Finanzministeriums und jetziger Großwesir der Credit Suisse, betont immer wieder, dass Rohstoffreserven – und hier ist Russland konkurrenzlos – ein wesentliches Merkmal dessen sein werden, was er als Bretton Woods III bezeichnet (obwohl das, was von Russland, China, dem Iran und der Eurasischen Wirtschaftsunion geplant wird, ein Post-Bretton Woods ist).

Poszar merkt an, dass Kriege historisch gesehen von demjenigen gewonnen werden, der über mehr Nahrungsmittel und Energievorräte verfügt – früher, um Pferde und Soldaten zu versorgen, heute, um Soldaten zu ernähren und Panzer und Kampfflugzeuge zu betanken. China hat im Übrigen große Vorräte an praktisch allem angehäuft.

Poszar stellt fest, dass unser gegenwärtiges Bretton-Woods-II-System einen deflationären Impuls (Globalisierung, offener Handel, Just-in-time-Lieferketten) hat, während Bretton Woods III einen inflationären Impuls (De-Globalisierung, Autarkie, Horten von Rohstoffen) von Lieferketten und zusätzlichen Militärausgaben liefern wird, um das zu schützen, was vom Überseehandel übrig bleiben wird.

Die Auswirkungen sind natürlich überwältigend. Bedenklich ist, dass dieser Zustand sogar zum Dritten Weltkrieg führen kann.

Rubelgas oder amerikanisches LNG?

Der russische runde Tisch Valdai Club hat eine wichtige Expertendiskussion (Link auf engl. Version) über das geführt, was wir bei The Cradle als Rublegas (Link auf engl. Artikel von Pepe Escobar) definiert haben – der wahre geoökonomische Spielveränderer im Herzen der Post-Petrodollar-Ära. Alexander Losev, Mitglied des Russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, erläuterte die Konturen des großen Bildes. Aber es war an Alexey Gromov, dem leitenden Energiedirektor des Instituts für Energie und Finanzen, sich mit entscheidenden Details zu befassen.

Bislang verkaufte Russland jährlich 155 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa. Die EU verspricht rhetorisch, bis 2027 darauf zu verzichten und den Verbrauch von russischem Gas bis Ende 2022 um 100 Milliarden Kubikmeter zu reduzieren. Gromov fragte nach dem “Wie” und bemerkte, dass “kein Experte eine Antwort darauf hat“. Der Großteil des russischen Erdgases wird über Pipelines transportiert. Dies kann nicht einfach durch verflüssigtes Erdgas (LNG) ersetzt werden.

Die lächerliche europäische Antwort lautet: “Fangen Sie an zu sparen”, d. h. “bereiten Sie sich darauf vor, dass es Ihnen schlechter geht” und “senken Sie die Temperatur in den Haushalten.” Gromov stellte fest, dass in Russland “22 bis 25 Grad im Winter die Norm sind. Europa propagiert 16 Grad als ‘gesund’ und das Tragen von Pullovern in der Nacht”.

Die EU wird nicht in der Lage sein, das von ihr benötigte Gas aus Norwegen oder Algerien (das die Deckung des Binnenverbrauchs bevorzugt) zu beziehen. Aserbaidschan wäre in der Lage, bestenfalls 10 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zu liefern, aber “das wird noch 2 bis 3 Jahre dauern”.

Gromov betonte, dass es “heute keinen Überschuss auf dem Markt für LNG aus den USA und Katar gibt” und dass die Preise für asiatische Kunden immer höher sind. Das Fazit ist, dass Europa bis Ende 2022 nicht in der Lage sein wird, seine Käufe aus Russland erheblich zu reduzieren: “Sie könnten maximal 50 Milliarden Kubikmeter einsparen.” Und die Preise auf dem Spotmarkt werden höher sein – mindestens 1.300 Dollar pro 1000 Kubikmeter.

Eine wichtige Entwicklung ist, dass “Russland die logistischen Lieferketten nach Asien bereits verändert hat”. Das gelte auch für Gas und Öl:  “Man kann Sanktionen verhängen, wenn es einen Überschuss auf dem Markt gibt. Jetzt fehlt es aber an mindestens 1,5 Millionen Barrel Öl pro Tag. Wir werden unsere Lieferungen nach Asien schicken – mit einem Rabatt. Schon jetzt zahlt Asien einen Aufschlag von 3 bis 5 Dollar pro Barrel Öl.”

Zum Thema Öltransporte äußerte sich Gromov auch zu dem wichtigen Thema der Versicherung: “Die Versicherungsprämien sind höher. Vor der Ukraine basierte alles auf dem Free on Board (FOB)-System. Jetzt sagen die Käufer: “Wir wollen nicht das Risiko eingehen, Ihre Ladung in unsere Häfen zu bringen”. Daher wenden sie das CIF-System (Cost, Insurance and Freight) an, bei dem der Verkäufer die Fracht versichern und transportieren muss. Das wirkt sich natürlich auf die Einnahmen aus.”

Eine absolute Schlüsselfrage für Russland ist, wie der Übergang zu China als wichtigstem Gaskunden gelingen kann. Es geht um Power of Siberia 2, eine neue, 2600 km lange Pipeline, die ihren Ursprung in den russischen Gasfeldern Bovanenkovo und Kharasavey in Yamal, im Nordwesten Sibiriens, hat und erst 2024 ihre volle Kapazität erreichen wird. Und zuerst muss die Verbindungsleitung durch die Mongolei gebaut werden – “wir brauchen 3 Jahre für den Bau dieser Pipeline” -, so dass alles erst gegen 2025 fertig sein wird.

“Was die Jamal-Pipeline betrifft, so geht der größte Teil des Gases nach Asien. Wenn die Europäer nicht mehr kaufen, können wir umlenken.” Und dann ist da noch das Projekt Arctic LNG 2 – das noch größer ist als Yamal: “Die erste Phase sollte bald fertig sein, sie ist zu 80 Prozent fertig.” Ein zusätzliches Problem könnten die gegenüber Russland “unfreundlichen” Länder in Asien darstellen: Japan und Südkorea. Die in Russland produzierte LNG-Infrastruktur hängt immer noch von ausländischen Technologien ab.

Das veranlasst Gromov zu der Feststellung, dass “das Modell der mobilisierungsbasierten Wirtschaft nicht so gut ist”. Aber das ist es, womit Russland zumindest kurz- bis mittelfristig zurechtkommen muss.

Positiv ist, dass das neue Paradigma “mehr Zusammenarbeit innerhalb der BRICS (die aufstrebenden Volkswirtschaften Brasiliens, Russlands, Indiens, Chinas und Südafrikas, die sich seit 2009 jährlich treffen)”, den Ausbau des Internationalen Nord-Süd-Verkehrskorridors (INSTC) und mehr Interaktion und Integration mit “Pakistan, Indien, Afghanistan und dem Iran” ermöglichen wird.

Lediglich im Hinblick auf den Iran und Russland sind Tauschgeschäfte im Kaspischen Meer bereits in Arbeit, da der Iran mehr produziert, als er benötigt, und die Zusammenarbeit mit Russland im Rahmen ihrer verstärkten strategischen Partnerschaft ausbauen will.

Hyperschall-Geo-Ökonomie

Es war die Aufgabe des chinesischen Energieexperten Fu Chengyu, kurz und bündig zu erklären, warum das Bestreben der EU, russisches Gas durch amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, ein Hirngespinst ist. Im Wesentlichen ist das US-Angebot “zu begrenzt und zu kostspielig”.

Fu Chengyu zeigte, warum es ein langwieriger, komplizierter Prozess ist, der von vier Verträgen abhängt: zwischen dem Gasentwickler und dem LNG-Unternehmen, zwischen dem LNG-Unternehmen und dem Käuferunternehmen, zwischen dem LNG-Käufer und dem Frachtunternehmen (das die Schiffe baut) und zwischen dem Käufer und dem Endverbraucher.

“Jeder Vertrag”, betonte er, “braucht eine lange Zeit bis zur Fertigstellung. Ohne all diese unterzeichneten Verträge wird keine Partei investieren – weder in die Infrastruktur noch in die Erschließung von Gasfeldern. Die tatsächliche Lieferung von amerikanischem LNG nach Europa setzt also voraus, dass alle diese miteinander verbundenen Ressourcen verfügbar sind – und wie ein Uhrwerk funktionieren.”

Das Urteil von Fu Chengyu ist eindeutig: Die Besessenheit der EU, das russische Gas loszuwerden, wird “Auswirkungen auf das globale Wirtschaftswachstum und eine Rezession nach sich ziehen. Sie bedrängen ihr eigenes Volk – und die Welt. Im Energiesektor werden wir alle geschädigt werden”.

Es war recht aufschlussreich, die bevorstehenden geoökonomischen Turbulenzen – die Besessenheit der EU, russisches Gas zu umgehen, und das Aufkommen des Rublegases – den wahren Gründen für die Operation Z in der Ukraine gegenüberzustellen, die von den westlichen Medien und Analysten völlig verschwiegen werden.

Ein alter Profi des US-Deep-State, der inzwischen im Ruhestand ist und mit den inneren Abläufen der alten OSS, dem Vorläufer der CIA, bis hin zum heutigen Neocon-Wahn bestens vertraut ist, lieferte einige ernüchternde Erkenntnisse:

“Bei der ganzen Ukraine-Frage geht es um Hyperschallraketen, die Moskau in weniger als vier Minuten erreichen können. Die USA wollen sie dort, in Polen, Rumänien, den baltischen Staaten, Schweden und Finnland. Dies ist ein direkter Verstoß gegen die Vereinbarungen von 1991, dass die NATO nicht nach Osteuropa expandieren wird. Die USA verfügen derzeit noch nicht über Hyperschallraketen, werden dies aber in ein oder zwei Jahren tun. Dies ist eine existenzielle Bedrohung für Russland. Also mussten sie in die Ukraine gehen, um das zu verhindern. Als nächstes werden Polen und Rumänien an der Reihe sein, wo Trägersysteme in Rumänien installiert worden sind und in Polen noch installiert werden.”

Aus einer völlig anderen geopolitischen Perspektive ist es sehr aufschlussreich, dass sich seine Analyse mit den geoökonomischen Überlegungen von Zoltan Poszar deckt: “Die USA und die NATO sind äußerst kriegslüstern. Dies stellt eine echte Gefahr für Russland dar. Die Vorstellung, dass ein Atomkrieg undenkbar ist, ist ein Mythos. Wenn man die Brandbomben auf Tokio mit  Hiroshima und Nagasaki vergleicht, starben in Tokio mehr Menschen als in Hiroshima und Nagasaki. Diese Städte wurden wiederaufgebaut. Die Strahlung verschwindet und das Leben kann wieder beginnen. Der Unterschied zwischen Brandbomben und Atombomben ist nur die Effizienz. Die Provokationen der NATO sind so extrem, dass Russland seine Atomraketen in Alarmbereitschaft versetzen musste. Dies ist eine sehr ernste Angelegenheit. Aber die USA haben es ignoriert.”

Ende der Übersetzung

Siehe dazu unter anderem auch meine Blogbeiträge:

 

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