Alternative Ölpreismechanik

Eine weit verbreitete Vorstellung der Ölpreismechanik und auch der Peak-Oil-Problematik ist, dass der übliche Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage auch beim Öl funktioniert und dass der Markt alles gut regelt. Es gibt Hinweise dafür, dass die Preisbildung beim Öl komplizierter ist, weil sie eine wesentliche Grundlage der Produktivität und damit auch der Zahlungsfähigkeit der Abnehmerseite ist.

Beim Ölpreis muss man die Abnehmerseite und die Anbieterseite betrachten.

Der Ölpreis aus Sicht der Ölabnehmer

Für die Abnehmerseite ist Öl die wichtigste Quelle der Produktivität. Ohne Öl sinkt die Produktivität der Abnehmerseite auf ein vorindustrielles Niveau zurück und sie kann keine für Ölanbieter attraktiven Gegenwerte mehr produzieren. Die Anbieterseite kann dann nur noch weiter Öl verbrauchen und wirtschaften, indem sie sich verschuldet. Schulden bedeuten vor diesem Hintergrund, dass man hofft, dass die Energiepreise in Zukunft sinken, oder dass man hofft, dass die Produktivität “irgendwie” in Zukunft doch noch gesteigert werden kann.

Der Ölpreis, von dem an die Produktivität auf der Abnehmerseite zu  sinken beginnt, liegt wahrscheinlich bei ungefähr 20 Dollar pro Barrel (ourfiniteworld.com/2018/03/13/our-latest-oil-predicament/ ).  Aktuell beträgt der Ölpreis mit 67 USD mehr als das Dreifache. Ich kann mich an einen Artikel im Wirtschaftsteil der FAZ in den 90er Jahren erinnern, in dem der Autor meinte, dass ein Ölpreis von 40 USD oder mehr für die Wirtschaft untragbar wäre.

Tatsächlich sind unter anderem die südeuropäischen Länder mit dem heutigen Ölpreis überfordert und nicht mehr in der Lage, ihre Handelsbilanz auszugleichen und ihre Schulden zu begleichen.

Man kann zwar argumentieren, dass Deutschland sich die derzeitigen Energiepreise noch leisten kann – wie das “Wir schaffen das” zur Flüchtlingskrise nahelegt. Deutschland ist aber durch seine  hochentwickelte Industrie und seine exportlastige Wirtschaft  darauf angewiesen, dass es genug Kunden gibt, die sich die Produkte der deutschen Industrie tatsächlich leisten können – und die diese auch bezahlen. Ein Wirtschaften und Konsumieren nach dem Motto “Herr Ober das Geld bitte – wir möchten zahlen”, wie im Fall Griechenland, kann sich auch Deutschland nur sehr begrenzt leisten, vor allem wenn klar ist, dass die Abnehmer deutscher Waren wegen der Entwicklung am Energiemarkt ihre Produktivität nie mehr werden steigern können.

Die Geschichte des Untergangs des 3. Reiches ist ein gutes historischen Beispiel dafür, dass Wille, positives Denken im Sinne von “Wir schaffen das”, Wissen, Können, weltweit führende Technologie, Selbstbewußtsein und eine gute Organisation am Ende völlig wertlos sind und den Untergang nicht verhindern können, wenn die nötige Energie in Form von Öl nicht mehr in genügender Menge beschafft werden kann. Meine Übersetzung Blut für Öl und die dort in meinem Kommentar nachträglich aufgeführten weiteren Quellen zeigen das meines Erachtens ganz gut.

Der Ölpreis aus Sicht der Ölanbieter

Aus Sicht der Ölanbieter muss der Ölpreis im Durchschnitt größer sein als die Kosten für die Suche, Erschließung, Förderung und Vermarktung des Öls. Dabei ist zu beachten, dass zu diesen Kosten auch Sozialkosten und andere Kosten zur Aufrechterhaltung eines stabilen und friedlichen, die Ölproduktion und Lieferung zulassenden Umfeldes gehören.

Das Problem der Ölindustrie ist, dass die Kosten der Ölproduktion immer höher werden. Wie die folgenden beiden Grafiken zeigen, die ich schon in Grafiken zum Thema Öl verwendet habe, stieg die Ölproduktion bis 1974 ziemlich schnell. Danach aber fiel sie zeitweise, stieg dann langsam und blieb von 2004 bis 2011 (wo die Grafik endet) ungefähr konstant.  Die Investitionen in die Ölproduktion stiegen aber von 2000 bis 2013 im Schnitt um fast 11 % pro Jahr.

Nach dem Sinken der Ölpreise brachen allerdings auch die Investitionen der Industrie ein:

Quelle: http://energyfuse.org/oil-gas-industry-dealing-unprecedented-decline-investment/

Wie unter anderem Gail Tverberg in  (ourfiniteworld.com/2018/03/13/our-latest-oil-predicament/ ) und Chris Martenson www.peakprosperity.com/podcast/113680/art-berman-not-future-remains-all-about-oil erklären, um nur zwei Beispiele zu nennen, haben die US-Frackingfirmen bis heute keine Gewinne gemacht, sondern nur Schulden gemacht, und das selbst als der Ölpreis bei über 100 USD lag. Manches davon erkläre ich mir dadurch, dass man vielleicht lieber weiter investiert hat, als Gewinne einzustreichen. Insgesamt sieht es aber schon danach aus, dass die am Markt erzielbaren Preise für die Ölindustrie zu niedrig sind.

Peak Cheap Oil als Dilemma der Ölpreise

Statt von Peak Oil redet man heute besser von Peak Cheap Oil. Man meint damit den Zeitpunkt, seit dem es kein “billiges” Öl mehr gibt. Man kann das auch als den Anfang des Dilemmas der Ölpreise sehen. Oder eben als den Zeitpunkt, von dem an der Ölpreis entweder für die Produzenten zu niedrig oder eine wachsende Zahl von Abnehmern zu hoch ist.

Das Problem ist nun, dass die Abnehmer des Öls das Öl als Energieträger  zur Erhaltung und Steigerung ihrer Produktivität brauchen. Je weniger sie sich das Öl leisten können, desto mehr sinkt ihre Produktivität und damit auch ihr Ölverbrauch. Immer mehr ursprüngliche Abnehmer von Öl geraten in eine Abwärtsspirale und müssen ihren Ölverbrauch weiter senken, was ihre Produktivität und damit auch wieder ihre Fähigkeit, Öl zu bezahlen, sinken lässt. Zuerst sind nur die Armen, schlecht Ausgebildeten betroffen, deren Produktivität ohnehin sehr gering war, aber dann erfasst die Abwärtsspirale immer mehr auch besser aufgestellte Gesellschaften und Personen.

Das Schmelzen des Kapitals

Zinsen, Kredite und die Renten- und Pensionsversprechen, aber auch der Glaube an die Möglichkeit einer den aktuellen Wohlstand und die aktuelle Bevölkerungsdichte mindestens erhaltenden Energiewende sind an die Erwartung geknüpft, dass man die Produktivität der Bevölkerung steigern oder zumindest erhalten kann. Wenn aber die Produktivität sinkt, weil das für ihre Erhaltung oder gar Steigerung unverzichtbare Erdöl knapper oder zu teuer wird, dann schrumpft auch das verfügbare Kapital und die für die Zukunft gemachten Zahlungsversprechen können nicht mehr eingehalten werden.

Das Zerfallen komplexer Strukturen

Wenn die Produktivität der Gesellschaft sinkt, weil das zur Erhaltung oder Steigerung der Produktivität erforderliche Öl knapper oder teurer wird, dann sinkt auch die Fähigkeit komplexe Strukturen und Organisationen zu erhalten oder gar zu vergrößern.

Beispiele sind die EU und Möglicherweise auch die multikulturelle, multiethnische Gesellschaft, die man gerade in Deutschland und anderswo im Westen zu etablieren versucht.

Politische Folgen und Aussichten

Zunehmender Energiemangel wird linken, internationalistischen und feministischen Ideologien die Grundlage entziehen und zu konservativen Mustern früherer Jahrhunderte führen, weil diese bei einem niedrigen Energie- und Produktivitätsniveau mehr Sicherheit und Lebensqualität versprechen.

Diese Entwicklung ist zwangsläufig. Niemand kann diese Entwicklung an sich aufhalten. Die Politik kann und wird aber, ob sie will oder nicht, auf allen Ebenen, von den kleinen Dorfgemeinden bis hin zur Staatsführung sehr maßgeblich beeinflussen wie gut oder schrecklich und schlecht der Weg in die Zukunft sein wird und sie wird auch stark beeinflussen, wie viele am Ende mit welcher Lebensqualität noch in Deutschland und in anderen Ländern Europas leben werden.

Kelberg, den 4. April 2018

Christoph Becker

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