Die Eurozone wird zur Armut produzierenden Maschine

Am 24. Oktober 2016 erschien auf der Internetseite der Zeitung The Telegraph  ein  Artikel mit dem Titel The eurozone is turning into a poverty machine  ( dt. Die Eurozone verwandelt sich in eine Armut produzierende Maschine)von Matthew Lynn. Hier eine Mischung aus  Zusammenfassung und Übersetzung:

Die Eurozone ist eine finanzielles und wirtschaftliches  Desaster. Die Politik der EZB zeigt keine positive Wirkung. Was dabei aber oft übersehen wird ist das die Eurozone  zu einer Armut produzierenden Maschine wird.

Während die Wirtschaft der Eurozone stagniert, versinken Millionen Menschen  die echtem Elend. Ob es auf einer relativen oder absoluten Basis gemessen wird, die  Anteile der Armut haben überall in  Europa zugenommen, wobei  die Ergebnisse in der Eurozone am schlechtesten sind. Es kann  keine schockierendere Anklage des Misserfolges der Währung geben und  keine eine besser Erinnerung daran, dass der Lebensstandard sich nur  verbessern wird, wenn der Euro entweder radikal reformiert oder zerlegt wird.

Eurostat, die statistische Agentur der Europäischen Union, hat ihre letzten Ergebnisse über die Anzahl der durch Armut und oder sozialen Ausschluss gefährdeten Menschen veröffentlicht und vergleicht  2008 und 2015. Über die 28 Mitglieder gesehen , haben fünf Länder wirklich bedeutende Anstiege im Vergleich zum Jahr der Finanzkrise vorzuweisen. In Griechenland, fallen jetzt 35,7 % der Bevölkerung in diese Kategorie, im Vergleich zu 28,1 % im Jahre 2008. Ein Anstieg um 7,6 Prozentpunkte. Zypern stieg der Anteil der Armen um 5,6 % auf jetzt  28,7 %.  In Spanien stieg er um 4,8 % und in Italien um 3,2 %  und sogar in Luxemburg, dessen Bevölkerung kaum als armutsgefährdet bekannt ist, stieg der Anteil der Armen um 3,2 % auf jetzt 18,5 %.

Es war überall nicht so düster. In Polen ist die Armutsrate von 30,5 % auf etwas über 23 % gesunken. In Rumänien, Bulgarien und Lettland, gab es gegenüber 2008 große Rückgänge der Armut. In Rumänien ist der Anteil der Armen z.B. um 7 %-Punkte, auf 37 % gesunken.

Was war der Unterschied zwischen den Ländern, in denen die Armut drastisch stieg und denjenigen, in denen sie geringer wurde?  Der Unterschied war die Zugehörigkeit zum Euro-Raum. Die größten Zunahmen der Armut gab es in den Ländern der Eurozone, während die Rückgänge der Armut alle außerhalb der Eurozone zu verzeichnen waren.

Es wird  noch schlimmer. “Armutsgefährdet” gilt wer über weniger als 60 %  des mittleren nationalen Einkommens verfügt. Aber dieses mittlere Einkommen selbst ist im Laufe der letzten sieben Jahre gefallen, weil sich die meisten Länder innerhalb der Eurozone noch immer von der Finanzkrise erholen müssen. In Griechenland ist das mittlere Einkommen von 10.800 Euro pro Jahr auf nun 7.500 Euro gefallen. In Spanien ist es nicht ganz so dramatisch gewesen, aber das  mittlere Einkommen ist von 13.996 Euro pro Jahr jetzt 13.352 gesunken. In Wirklichkeit werden Leute sowohl relativ als auch absolut ärmer.

Es gibt andere Maßnahmen, die das ebenfalls verdeutlichen. Im Durchschnitt der EU werden 8 % der Bevölkerung “ernsthaft materiell arm”, definiert, es ihnen an dem fehlt, was die meisten zivilisierte Gesellschaften als grundlegende Notwendigkeiten betrachten – wenn Sie vier aus neun Kästen ankreuzen, zu denen gehört, dass sie es sich nicht mehr leisten können ihre Wohnung zu heizen, mindestens jeden zweiten Tag Fisch oder Fleisch zu essen oder sich eine Telefon leisten zu können, dann gehören sie zu dieser Kategorie.

Auffallend ist, dass mehrere Eurozonenländer angefangen haben nun bei solchen Umfragewerten die Nase vorne zu haben. Griechenland steigt unvermeidbar schnell auf. Dort fallen nun 22 % der Bevölkerung in diese Kategorie – im Vergleich zu nur 11 % im Jahre 2008. In Italien, einem Land, das so vor zwei Jahrzehnten ein reiches Land war, sind nun schockierende 11 % der Bevölkerung “ernsthaft arm”, verglichen mit 7,5 % vor 7 Jahren. In Spanien hat sich der Prozentsatz verdoppelt, und in Zypern ist er auf mehr als 50 % gestiegen.

Und doch,  wenn man die Länder außerhalb der Eurozone betrachtet, ist der Anteil der  “ernsthaft materiell Armen”, weit gehend stabil,  wie zum Beispiel im Vereinigten Königreich, oder er ist sogar respektabel gefallen, wie – im schnell wachsenden Polen, wo sich der Anteil in den letzten 7 Jahren halbiert hat und nun mit 7,5 % viel geringer ist als in Italien.

Das ist von Bedeutung. Die EU hat sich selbst das Ziel gesetzt, die Schlüsselwerte der Armut bis 2020 in bedeutendem Maße zu reduzieren. Sie scheitert elend. Schlimmer noch, es wird klar, dass eine ihrer wichtigsten Politikansätze, die Schaffung des Euro, und die verpfuschten, halbherzigen Rettungspakete, die den Euro gerade noch so zusammengehalten haben, größtenteils für die Zunahme der Armut verantwortlich sind.
Es ist schwer eine andere plausible Erklärung für den starken Unterschied zwischen den Armutsquoten für die Länder innerhalb und außerhalb der Eurozone zu finden. Warum sollten Griechenland und Spanien so viel schlechter dastehen als irgend ein Land in Osteuropa? Oder warum geht es Italien so viel schlechter als Großbritannien, obwohl beide  Länder in den 90er Jahren ein weit gehend ähnliches Wohlstandsniveau hatten? (Tatsächlich hatten die Italiener die Briten sogar eine Zeit lang im Bezug auf der Prokopfeinkommen sogar überholt.) Sogar eine traditionell sehr erfolgreiche Wirtschaft wie die der  Niederlande, die in keiner Art von der Finanzkrise ergriffen worden ist, hat eine große Steigerung sowohl der relativen als auch absoluten Armut erlebt.

Tatsächlich ist es nicht sehr schwierig herauszufinden was geschehen ist. Erstens hat ein dysfunctionales Währungssystem das Wirtschaftswachstum abgewürgt und die  Arbeitslosigkeit auf nicht für möglich gehaltene Niveaus gesteigert. Nachdem Länder Bankrott gemacht haben und ausgelöst werdenmußten, hat die EU, zusammen mit der EZB und dem IWF, den Sparpaketen durchgesetzt und  Sozialfürsorgesysteme und Renten zusammengestrichen. Es überraschen, dass die Armut unter diesen Bedingungen zunimmt.

Auf den Finanzmärkten konzentriert man sich endlos auf den Zustand des Banksystems innerhalb der Eurozone, auf steigende Haushaltsdefizite, und auf die Gefahr der Deflation und die Verwüstungen, die sie für die Preise der Anlagen am Finanzmarkt bringen könnte. Aber am Ende ist die Finanzkrise nicht so wichtig. Sie kann mit Freikäufen  und mit dem Drucken Geld gelöst werden. Selbst wenn das nicht möglich ist, bedeutet das nur, das einige Banken und Investmentfonds  schlechter  daran sind.

Aber die Tatsache, dass sich Armutniveaus in vormals wohlhabenden Ländern so schnell steigen, ist schockierend. Es gibt kein Zeichen dieser Anstieg nachlässt –  in Ländern wie Griechenland und Italien beschleunigt er sich sogar. Was einstmals dreckig-arme Länder waren, wie Bulgarien, oder Länder mit mittleren Einkommen,  wie Polen, überholt schnell was das entwickelte Europa zu sein pflegte.

Nicht in der Lage zu sein sich ein Telefon zu leisten, oder dreimal pro Woche Fleisch zu essen, ist kein Spaß. Aber dank des Euro, ist das jetzt das Schicksal von Millionen von Europäern – und wird sich nicht ändern, bis die Währung zerlegt wird.

Soweit der Artikel in The Telegraph.

Dass der Euro sich negativ auf viele Länder der EU auswirkt, war mir schon klar.   In Wie Deutschland doch noch den Krieg gewann hatte ich  über das Problem   nach der Lektüre des dort vorgestellten Buches “Decline and Fall” von John M. Greer schon beschrieben, das   der obige Artikel im The Telegraph mit den aktuellen Daten der europäischen Statistikbehörde belegt.

Die Zahlen in dem Artikel und die  relativen Unterschiede zwischen Euroländern und  Nicht-Euro-Ländern der EU   waren für mich aber dennoch neu und beeindruckend.

Anders als der Artikel in The Telegraph  sehe ich im Euro aber nur einen Teil des Problems.

Das alles überlagernde Grundproblem ist die sinkende Nettoenergie, die die europäischen Staaten noch zur Verfügung haben.  Mit Nettoenergie meine ich hier die Energie, die die Energie liefernden Teile der Wirtschaft, nach Abzug der für die Energieproduktion und Verteilung notwendigen Energie noch für jene Teile der Wirtschaft liefern kann, die selber keine Energie produzieren.

Seit 2012 bleibt  von jedem Fass Erdöl, das gefördert wird,  im  Mittel weniger als  ein  halbes Fass  Erdöl für den Bedarf jener Wirtschaftszweige übrig, die  selber keine Energie produzieren (Krankhäuser, Schulen,  Sozialwesen, Militär, Polizei, Straßenbau, moderne Landwirtschaft, Verkehrswesen usw.).  Irgendwann zwischen 2025 und 2030 bleibt selbst nach optimistischen Berechnungen  für diese Bereiche bei der Ölförderung keine  Energie mehr mehr übrig. Das Fördern von Erdöl wird dann zwar weiter möglich sein und es wird weiter riesige Lagerstädten geben, aber es wird dann Energie kosten, die dann z.B. durch Kohle oder Erdgas  gewonnen wird. Die für dann für die Ölförderung nötige, aus Kohle und Erdgas kommende Energie wird die Erdgas und Kohlevorräte schneller erschöpfen, wird den Energieaufwand für die Erdgas und Kohleförderung weiter und schneller steigern und wird dafür sorgen, das auch der Anteil der in  der  im Erdgas und in der Kohle enthaltenen Energie geringer wird, der für die keine Energie produzierenden Teile der Wirtschaft noch übrig bleibt.

Dazu kommen die ebenfalls steigenden Komplexitätskosten, die auch um so größer sind , je  größer  ein Wirtschaftsraum  und sein Regelwerk ist. Es ist klar, dass kleinere, unabhängigere Staaten in solchen Situationen im Vorteil sind und vielleicht sogar noch ihren Wohlstand mehren.

Die Komplexitätskosten steigen aber auch, weil die Förderung von Öl, Kohle, Gas und von anderen Rohstoffen immer schwieriger wird und die Umwelt und teilweise auch die Infrastruktur immer mehr belastet.

Einige andere Artikel meiner Webseite zu diesen grundlegenden Problemen:

Deutschlands “Energiewende” wird den Absturz Europas übrigens beschleunigen, wie man  dem Artikel  Intermittent Renewables Can’t Favorably Transform Grid Electricity

( dt. Ungleichmäßig liefernde, erneuerbare Energien können das Stromnetz nicht vorteilhaft umwandeln )  von Gail Tverberg entnehmen kann. Ich zitiere:

Tatsächlich bin ich zu dem ziemlich erstaunlichen Beschluss gekommen, dass, selbst wenn Windturbinen und Solarpanele kostenlos gebaut werden könnten, es keinen Sinn haben würde sie weiterhin dem Stromnetz hinzuzufügen, solange man keine keine bessere und billigere Methode hat um Elektrizität zu speichern. Es gibt zu viele Kosten außerhalb des Produktion der Geräte selbst. Es sind diese sekundären Kosten, die problematisch sind.

und

Sie [die Solar- und Windenergie, oder auf deutsche Verhältnisse angepasst die “Energiewende”] könnte sogar einen negativen Wert haben, wenn man die Kosten aller Anpassungen berücksichtigt, die nötig sind um sie sinnvoll nutzen zu können.

Damit steuert Deutschland auch wegen seiner  “Energiewende”, einmal mehr und einmal mehr mit unnötig hoher Geschwindigkeit, mit Volldampf  einen immer größer werdenden Teil seiner Bevölkerung in die Armut.

Kelberg, den 26. Oktober 2016

Christoph Becker

Print Friendly, PDF & Email

Beitrag drucken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.