Peak Oil ist kein Mythos

Viele Nachrichten und Medienberichte erwecken den Eindruck, dass Fracking und andere unkonventionelle Methoden der Ölgewinnung die Antwort für die Sicherheit der Energieversorgung der Welt sind. Aber ist das wirklich so? Auf der Suche nach Antworten fand ich auf der Internetseite der Königlich britischen Gesellschaft für Chemie den Artikel Peak oil is not a myth von Chris Rodes, vom 20. Februar 2014. Im Folgende eine Übersetzung dieses Artikels:

Man kann den Eindruck bekommen, dass hydraulisches Brechen (Fracking) von Schiefervorkommen die Antwort für die Sicherheit der Energieversorgung der Welt ist. Gewiss hat Fracking viel Aufmerksamkeit erhalten und es ist viel darin investiert worden, aber die Erfolgsaussichten des Frackings müssen in einem breiteren Zusammenhang bedacht werden (( R G Miller and S R Sorrell, Phil. Trans. R. Soc. A, 2014, 372, 20130179 )) [Anmerkung des Übersetzers: Diese Quellenangabe bezieht sich auf ein Themenheft der Philosphical Tansactions der Royal Society, das am 13. Januar 2014 erschienen ist.   Zu diesem Themenheft findet sich hier  ein einführendes Interview mit Steve Sorell und Richard Miller, auf deren Artikel sich die Quellenangabe von Chris Rodes bezieht.]

In den USA, wo bis heute praktisch alle diese Aktionen durchgeführt werden, steht Fracking nun für 40 % der Gasproduktion im Inland und für 30 % der Ölproduktion. Der Erdgaspreis ist abgestürzt und die gesamte Ölproduktion der USA ist zum ersten Mal seit 1970 wieder gestiegen, während sie andernfalls in Übereinstimmung mit den 1956 von M. King Hubbert gemachten Voraussagen weiter gefallen wäre.

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Wie auch immer, dieser letzte Punkt ist der herausragende. Unkonventionelle Ölquellen (unten aufgelistet), wie fest gebundenes Öl [tight oil] (oder Schieferöl, in der öffentlichen Diskussion) sind wirtschaftlich nur wertvoll weil die Notwendigkeit, den Rückgang der konventionellen Ölproduktion auszugleichen, die Ölpreise erhöht hat. Es ist die Produktionsrate des Öls, die die Versorgung mit Öl bestimmt und nicht die Größe der Reserven. „Die Größe es Ölhahns und nicht des Tanks“

Öl Check

Aktuelle Daten für den Rückgang der Produktion der Ölfelder zeigen, dass jedes Jahr eine Fördermenge von etwa 3 Millionen Barrel pro Tag an neuen Produktionsquellen erschlossen werden müssen, wenn man nur das aktuelle Versorgungsniveau halten will (( Anmerkung des Übersetzers: Prof. Kjell Aleklett schreibt in seinem Buch Peeking at Peak Oil, dass nach den Untersuchungen seines Institutes an der Universität Uppsala, Schweden, sich die Abnahme der Ölförderung aus den großen Ölfeldern nach dem Erreichen des Fördergipfels, beschleunigt, je mehr man sich dem Ende der Nutzungsdauer des Ölfeldes nähert. Die durch Förderrückgänge der großen konventionellen Ölfelder auszugleichende Versorgungslücke könnte demnach in Zukunft größer sein und schneller als bisher wachsen.  )). Dies entspricht der Entdeckung eines weiteren Saudi Arabiens alle 3 bis 4 Jahre. In diesen Zusammenhang ist Fracking bestenfalls eine temporäre Notmaßnahme. Für die konventionelle Ölproduktion wird ein Rückgang von über 50% in den nächsten 20 Jahren vorausgesagt, während es unwahrscheinlich ist, dass fest gebundenes Öl [tight Oil] nicht mehr als 6% ersetzen wird.

Sobald der Förderrückgang beim konventionellen Öl die Produktionsrate des unkonventionellen Öls übersteigt, hat die globale Produktion zwangsläufig den Gipfelpunkt erreicht. Die Produktion von leicht zu gewinnendem [sweet = süßem oder köstlichem], leichtem Rohöl hat tatsächlich im Jahr 2005 ihren Höhepunkt erreicht, aber das wurde durch die Zunahme der unkonventionellen Ölproduktion maskiert, ebenso wie durch das Zusammentun von verschiedenen Arten von Materialien mit dem Öl und der gemeinsamen Bezeichnung als „Flüssigkeiten“ [Liquids]. (In letzter Zeit wird die Bezeichnung ‘Flüssigkeiten’ [‘Liquids’] oft zu ‘Öl’ aufgewertet, was etwas irreführend ist, da die Eigenschaften der anderen Flüssigkeiten sich ziemlich von denen des Erdöls unterscheiden.)

Fracking produziert hauptsächlich Schiefergas (eher als Öl), und beim Löwenanteil des Wachstums der globalen „Öl“-Produktion handelt es sich um natürliche Flüssiggase (NGL, in Teilen des Schiefergases]. Aber die grundsätzlichen Bestandteile von NGL [Natural Gas Liquids] sind Ethan und Propan, so dass es sich nicht einfach um einen Ersatz für Erdöl handelt.

 

Energie rein, Energie raus

Das Verhältnis von Energiegewinn zur für die Energiegewinnung aufgewendeten Energie (EROEI oder EROI = Energy Return On Energy Investmented) ist für alle unkonventionellen Arten der Ölproduktion schlechter als für konventionell produziertes Öl.

 Dies bedeutet, dass mehr Energie investiert werden muss, um das Produktionsniveau beizubehalten. Als grober Vergleich, konventionelles Erdöl hat einen EROEI im Bereich von 10–20:1, während fest gebundenes Öl auf 4-5:1 kommt. Öl das durch (Ultra-)Tiefwasserbohrungen gewonnen wird kommt auf 4-7:1, schweres Öl kommt auf 3-5:1, und Ölschiefer (Kerogen) liegt irgendwo bei 1,5-4:1. Teersande liegen bei 6:1, wenn sie im Tagebau gewonnen werden, aber der Wert fällt auf 3:1 wenn das Bitumen „aufgewertet“ wird, indem man es in einen „Öl“-Ersatz verwandelt.

So wie die konventionelle Ölproduktion gefallen ist, so ist auch der EROEI gefallen, weil wir es von immer feindlicheren Orten, und mit neuen Technologien gewinnen. Der Preis eines Barrels Öl hat sich in den letzten 10 Jahren verdreifacht, aber die Produktionsmenge ist in etwa gleich geblieben. Wir sind vermutlich dicht an der Obergrenze der globalen Ölproduktion (( J Murray and D King, Nature, 2012, 481, 433 )), und die Aussichten, die Lücke mit alternativen Quellen zu füllen ist entmutigend.

Unterschiedliches Felsgestein

Obwohl Fracking ziemlich große Mengen Öl und Gas in den USA geliefert hat, gibt es keine Garantie, dass ein ähnlicher Erfolg anderswo, einschließlich dem Vereinigten Königreich, erzielt werden kann, teilweise weil die Geologie eine andere ist. Selbst in den USA sind es die guten Stellen (sweet spots) wo man gebohrt hat, und die Schieferformationen anderswo in Nordamerika sind voraussichtlich weniger produktiv (( Anmerkung des Übersetzers: Einem Artikel in der Los Angeles Times vom 20. Mai 2014 kann man entnehmen, dass die amerikanische Energieinformationsbehörde, EIA, die erschließbaren Reserven der Monterey Schieferformation in Kalifornien, von 13,7 Milliarden Barrel auf 600 Millionen Barrel, also um ca. 96%, reduziert hat.)) . Die Schätzung der Schiefergasreserven in Polen wurde von 187 Billionen Kubikfuß (tcf) auf bestenfalls 12-27 Billionen Kubikfuß  reduziert. Das sind kaum 14% der ursprünglichen Schätzung. Und das meiste der Produktion wird voraussichtlich nur Gas sein. Selbst wenn wir große Mengen Gas mit großzügigen Produktionsraten gewinnen können, ist die Umrüstung unseres Transportsystems auf Gas eine beträchtliche Aufgabe, insbesondere angesichts des Zeitrahmens, den der Rückgang der konventionellen Ölproduktion uns vorgibt. Und es gibt viele andere Anwendungen für Öl, als nur Treibstoff, für die ebenfalls Ersatz gefunden werden muss.

Erneuerbare Energien liefern keine vergleichbaren Ersatzstoffe für Erdöl und die flüssigen Treibstoffe, die aus ihm gewonnen werden, daher ist der potentielle Beitrag von Biokraftstoffen relativ klein. Die 34 Millionen Öl getriebenen Fahrzeuge des Vereinigten Königreiches durch elektrisch betriebene Versionen ersetzen zu können, ist eine unwahrscheinliche Annahme, angesichts der Grenzen der verfügbaren Zeit und der Grenzen der Rohstoffvorkommen wie etwa der seltenen Erden (( C J Rhodes, Science Progress,  2011, 94, 323 )). Öffentliche Verkehrsmittel sind die wahrscheinlichere Zukunft für elektrisch betriebenen Transport, als Personenkraftwagen. Das Ende des billigen, persönlichen Transports ist eine reale Möglichkeit und dürfte Veränderungen in unserem Verhalten bewirken, wie etwa den Aufbau von resilienten Gemeinden, die mehr des von ihnen Benötigten, wie Nahrungsmittel und Materialien, auf der lokalen Ebene produzieren.

Es gibt viele Ungewissheiten, aber es scheint klar, dass das Ende des Billigen Öls vorbei ist. Wir betreten eine neue und andere Phase des menschheitlichen Erfahrung.

Chris Rhodes ist ein unabhängiger Berater und hat seinen Sitz in Reading, UK. Er ist der Autor des Romans University shambles.

Unter dem Originalartikel finden sich auch viele interessante Kommentare.

Übersetzt von Christoph Becker, Kelberg den 31. August 2014

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