Visualisierung von Europas Wertedifferenzen

Im Folgenden habe ich den Blogbeitrag  Visualizing Values Mismatch in the European Union, (dt.: Visualisierung der Nichtübereinstimmung der Werte in der Europäischen Union), von Peter Turchin, vom 20 Juli 2016,  übersetzt. Turchin ist ein russisch-amerikanischer Professor an der Universität von Connecticut, USA. Seine Interesse gilt  vor allem der kulturellen Evolution und Cliodynamik.

Er hat unter anderem die folgenden Bücher geschrieben:

Ab hier die Übersetzung von Peter Turchins Blog-Artikel:

Visualisierung der Nichtübereinstimmung der Werte in der Europäischen Union

In meinem Blogbeitrag vom 1. Juli 2016, Brexit as Destructive Creation,(dt.: Der Brexit als zerstörerische Schöpfung) habe ich argumentiert, dass eine wesentliche Ursache für die europäische Dysfunktion in der Wahl zu sehen ist, die die europäischen Eliten getroffen haben, indem sie die Union zu schnell und zu weit ausgedehnt haben. Warum denke ich, dass dies ein Fehler war?

Wie ich bei vielen Gelegenheiten gesagt habe (in diesem Blog und in meinen anderen Schriften), ist es schwer Menschen dazu zu bringen zu kooperieren, insbesondere in großen sozialen Gruppen. Erfolgreiche Kooperation erfordert, dass die Leute gemeinsame Werte und Institutionen teilen. Werte sagen uns, warum wir zu kooperieren wünschen: was ist das öffentliche Gut, das wir gemeinsam herzustellen wünschen? Normen und Institutionen geben uns den Rahmen für die Organisation der Zusammenarbeit. Nicht zusammen passende [ d.h. nicht von allen akzeptierte] Werte und Institutionen können Bemühungen zur Kooperation zum Scheitern verurteilen, bevor diese auch nur eine Chance haben überhaupt zu beginnen.
Meiner Meinung nach ist die Erweiterung von den ursprünglich sechs Nationen (Benelux, Frankreich, Deutschland, und Italien – ich beziehe mich auf diese als die „Kern“ EU-Nationen) auf die gegenwärtig 28, ein ganz großer Fehler. Wir können die Datensammlung der World Value Survey (WVS) nutzen, um zu visualisieren wie groß dieser Fehler war.

WVS hat seit 1981 Daten über die Glaubensinhalte der Menschen in vielen Ländern gesammelt. Ein interessantes Resultat der Analyse dieser Daten war, dass ein großer Teil der Unterschiede zwischen den Bevölkerungen verschiedener Länder zweidimensional grafisch dargestellt werden kann: (1) traditionelle Werte zu weltlich-rationalen Werten (Traditional vs. Seculiar-Rational Values) und (2) Überlebenswerte zu Selbstentfaltung (Survival vs. Self-Expression Values). Wenn die Durchschnittswerte für jedes in der Probe enthaltene Land in einem zweidimensionalen Raum eingezeichnet werden, der durch diese zwei Achsen definiert ist, dann haben wir etwas was man Inglehart-Welzel-Kultur-Karte [Anm.: in dem verlinkten deutschen Wikipediaartikel findet man die ersten beiden Versionen dieser Karten mit deutscher Beschriftung ] nennt. Hier ist sie für die letzte (sechste) Befragung:

Quelle

Inglehart-Wetzel gruppiert kulturell ähnliche Länder in katholisches,  protestantisches, englischsprechendes Europa, usw.. [Anm.: In der obigen Karte als “Catholic Europe”, “Protestant Europe”, “English Speaking” …]

Mich interessiert es aber, diese Karte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.  entsprechend habe ich alle Länder in Kategorien eingeordnet und diese  wie folgt farblich kodiert:

  • Kern (rot):  die ursprünglichen  sechs Länder die die Europäische  Wirtschafts  Gemeinschaft.
  • EU (braun):  die anderen 22 Mitglieder der Europäischen Union.
  • Europa (grün):  die zwei westeuropäischen Länder die nicht in der EU sind.
  •  Kandidaten (gelb):  gegenwärtige Kandidaten für die EU.
  •  Welt ( grau):  Der Rest der Welt ( ich habe Ländernamen weggelassen weil  diese die Infografik zu  unübersichtlich machen würden).

Anmerkung: der Grund, warum Italien (Italy*)  ein Sternchen bekommen hat ist, weil es aus irgendwelchen Gründen in der sechsten Welle [Anm.: WVS-Ausgabe] nicht enthalten ist, daher habe ich die Daten aus der fünften Ausgabe benutzt.

Das sieht dann folgendermaßen aus:

 

 

Das Muster ist eindrucksvoll, es erfordert kaum einen Kommentar, aber ich möchte es dennoch in Worte fassen.  Die ursprünglichen sechs (“Core“,  „Kern Europa”)   liegen sehr dicht beieinander.  Es gibt nur zwei andere Länder, die sehr dicht bei dieser Ansammlung liegen,  Österreich und die Schweiz.  Bemerkenswert ist, dass  die heutigen Gebiete dieser beiden Ländergruppen  innerhalb der Grenzen des karolingischen Reiches (siehe Is this the Beginning of the End for the European Union?) lagen.  Wie  es aussieht, hat der „Geist“ des Reiches von Karl dem Großen  mehr Einfluss auf die heutigen kulturellen Werte als die späteren Unterscheidungsmerkmale wie Katholizismus und Protestantismus.

Die gegenwärtigen 28 Mitglieder der Europäischen Union bilden dagegen überhaupt keine  zusammen drängende Gruppierung.  Im Gegenteil, sie umfassen drei Viertel  der weltweiten Variationen der Werte. Nur die afrikanisch islamischen Länder und Mittelamerika befinden sich außerhalb der Ellipse die 28 EU-Mitglieder umfasst.

Ist es angesichts derart großer Verschiedenheit überraschend, dass die Europäische Union in ihrer heutigen Zusammensetzung eine nicht funktionierende Organisation ist?

Deutsche Übersetzung von Christoph Becker

Kelberg, den 8. Juni 2017

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