Die Torheit der Pflügenden und die Geschichte

1943, als die Mordmaschinerie der Nazis insbesondere auch aus Furcht vor Engpässen in der Lebensmittelversorgung so richtig in Fahrt kam, erschien in den USA ein kleines Buch mit dem  Titel „Plowman’s Folly“ (dt: Die Torheit des Plügenden) von Edward H. Faulkner, das bis heute oft nicht beachtete Einsichten vermittelte, die  den wichtigsten Antrieb für die Massenmorde der Nazis hätte verhindern können. Plowman’s Folly gilt als eines der revolutionärsten Landwirtschaftsbücher gilt. Wenn man dieses kleine Buch, so wie ich es kürzlich getan habe, fast 74 Jahre nach der Veröffentlichung, im Frühjahr 2017,  vor dem Hintergrund der  gepflügten Felder in Deutschland liet und dabei auch an Christian Gerlachs  Krieg, Ernährung, Völkermord. Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg aus dem Jahre 1998, oder Krieg, Ernährung, Völkermord. Deutsche Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg  aus dem Jahr 2001 denkt,  dann bleibt kaum noch Grund zur Hoffunng auf die Lernfähigkeit der Menschen in Deutschland und Europa.

Jedenfalls ist es wohl so, dass die Nazis, wie Christian Gerlach zeigt, die Massenmorde nach 1940 in erster Linie als eine Art Raubmord betrieben haben, bei dem es unter anderem darum ging, unnötige Esser zu  vernichten, um die Ernährungslage im Deutschen Reich zu verbessern, bzw. um eine Hungersnot und eine daraus resultierende Revolution, wie im ersten Weltkrieg, zu verhindern. Siehe auch meinen Blogbeitrag Rationierung und Lebensmittelknappheit im 1. Weltkrieg. Gerlach verweist hier insbesondere auch auf den Staatssekretär Herbert Backe im Landwirtschaftsministerium und den Hungerplan der damaligen deutschen Regierung. Ich zitiere hier aus dem deutschen Wikipedia-Artikel  zum Hungerplan:

Am 14. Februar 1940 erklärte Herbert Backe, Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, es drohe der „Zusammenbruch der Ernährungswirtschaft im Laufe des zweiten Kriegsjahres, wie im Jahre 1918“.

Backe, der die Geschäftsgruppe Ernährung im Vierjahresplan leitete, war der Meinung, dass das deutsche Ernährungsproblem mit dem bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion gelöst werden könne. Da aber Berechnungen der Landwirtschaftsführung zeigten, dass größere Überschüsse in der Sowjetunion nicht vorhanden waren, wurde eine Strategie für die Behandlung der sowjetischen Bevölkerung entworfen, um ein Höchstmaß an Nahrungsmitteln aus dem Land zu pressen und gleichzeitig den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg im Osten voranzutreiben. Durch Abtrennen der Zuschussgebiete, insbesondere der großen Industriegebiete, von ihrer Ernährungsbasis sollten alleine an Getreide „Überschüsse“ in Höhe von 8,7 Millionen Tonnen für den deutschen Verbrauch erzielt werden. Nach Einschätzung des Historikers Christian Gerlach war die nationalsozialistische Wirtschaftsführung im Osten ein Instrument der Massenvernichtung.

…..

Sieben Wochen vor dem deutschen Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 hieß es in einer Aktennotiz über eine Besprechung von mehreren Staatssekretären und führenden Offizieren der Wehrmacht am 2. Mai 1941 zu den kriegswirtschaftlichen Konsequenzen des geplanten „Unternehmens Barbarossa“:

„1.) Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Rußland ernährt wird.
2.) Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“

Vor diesem Hintergrund ist zu bedenken, dass Deutschland 1939 eine Bevölkerungsdichte von nur 139 Menschen pro Quadratkilometer hatte (Liste der Volkdzählungen) hatte, während es heute 230 Menschen pro Quadratkilometer sind, wobei zu bedenken ist, dass  inzwischen sehr viel Land durch Bebauung und industrielle Nutzung verbraucht wurde und für die land- und forstwirtschaftlicher Nutzung verloren ist.

1940 hatte man jedenfalls in Deutschland, vor dem historischen Hintergrund, trotz der im Vergleich zu heute geringen Bevölkerungsdichte, durchaus zu Recht die Sorge, dass Deutschland ausgehungert werden könnte, wenn nicht sehr krasse Gegenmaßnahmen ergriffen würden.

Was machen wir heute, wenn z.B. ein moderner Blitzkrieg die industrielle Landwirtschaft und die Möglichkeiten zur Einfuhr und Verteilung von Lebensmitteln zerstört, wie das z.B. Peter Pry im vor einem Untersuchungsausschuss im amerikanischen Kongress im Mai 2015 erklärt hat: EMP-Bedrohung – Anhörung im US-Kongress.

Mein Resümee aus der Lektüre von Faulkners Buch über die Torheit der Pflügenden ist, dass die von den Deutschen im Osten verübten Massenmorde weitgehend hätten vermieden werden können, wenn die deutsche Landwirtschaftspolitik und die Ausbildung der Bauern besser gewesen wäre.

Um so erschütternder finde ich, dass man heute, fast 74 Jahre später, mit drastisch höherer Bevölkerungsdichte in Deutschland noch immer ganz selbstverständlich im Frühjahr jede Menge gepflügte Felder sieht und damit zeigt, dass die Landwirtschaftspolitik in Deutschland und in der EU nach wie vor sehr zu wünschen übrig lässt.

Hier kurz etwas zu Faulkners Hintergrund und Versuchen.

Edward Faulkner (1886 – 1964) war auf einer Farm in den USA aufgewachsen. Sein Vater war ein sehr fortschrittlicher Landwirt. Faulkner hatte zunächst als staatlicher Landwirtschaftsberater gearbeitet. Später war er in der Wirtschaft tätig und hat dann um 1930 ein neues Haus mit ca. 185 qm Garten gekauft, wo er, weil er es so gewohnt war, Gemüse pflanzen wollte. Der Boden seines Gartens bestand aber, wie der zu spät bemerkt hat, aus Bauaushub in Form von Ton, und wäre, wie er schreibt, eher zur Ziegelproduktion als zum Gemüseanbau geeignet gewesen. Faulkner hat dann zunächst in seinem Garten,  auf den Erfahrungen auf der Farm seiner Eltern und seiner Tätigkeit als Landwirtschaftsberater aufbauend verschiedene Versuche zur Verbesserung der Bodenqualität unternommen. Nachdem er in seinem Garten den Boden gut verbessert und gute Ernten erzielt hat, hat er sich eine größere Fläche Land gepachtet um darauf in größerem Stil  seine im Kleinen erfolgreichen Experimente zu wiederholen und um damit die Richtigkeit seiner Thesen zu beweisen.

Das Ergebnis dieser Versuche, kombiniert mit einigem Literaturstudium, war dann das Buch Plowman’s Folly, auf Deutsch „Die Torheit des Pflügenden“. Mir waren verschiedene Hinweise auf dieses Buch und seine grundlegende Bedeutung begegnet.

Aus deutscher Sicht war die Lektüre auch deshalb interessant, weil Faulkner, als im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in den USA geborner und aufgewachsener Landwirt, die anfangs phantastische Fruchtbarkeit der neu für die Landwirtschaft erschlossenen Böden und deren dann rasante Verschlechterung teilweise selber miterlebt hat und teilweise aus den noch frischen historischen Berichten seiner Zeitgenossen kannte.  Im Gegensatz dazu kannten z.B. die Bauern in der Eifel in dieser Zeit nur seit Jahrhunderten von Menschen mit den in Europa üblichen Methoden genutzte und dabei übernutzte, oft sehr schlechte Böden.

Faulker hatte jedenfalls einen anderen Hintergrund als z.B. die Bauern in Deutschland, und er hatte mit seinem anfangs „eher für eine Ziegelfabrik“ taugenden, extrem schlechten Boden seines Gartens eine Herausforderung, die krasser war als die der üblichen Böden in Deutschland.

Die Faulkners Problem lösende Einsicht, war letztlich, dass man möglichst viel organische Material in den Boden bringen muss und dass es Sinn macht einzig zu diesem Zweck Pflanzen anzubauen und diese dann in den Boden ein zu arbeiten. Dabei war es wichtig, die Pflanzen eben nicht wie beim Pflügen zu vergraben und mit Erde zu bedecken, sondern sie nieder zu drücken und z.B. mit einer Scheibenegge oder einem ähnlichem Instrument in die Bodenoberfläche zu drücken. Für seinen Garten hatte er sich dazu ein Werkzeug gebaut.  Für seine Felder hatte er eine Scheibenegge modifiziert.

Faulkner geht auf verschiedene Aspekte dieses Vorgehens ein und erklärt wie und warum durch den Verzicht auf das Umpflügen bzw. Umgraben und durch die stattdessen Erfolgende Einarbeitung organischen Materials in die Oberfläche, die Fruchtbarkeit und auch die Wasserspeicherkapazität des Boden massiv gesteigert,  Bodenerosion vermieden, und Schädlings- und Unkrautprobleme vermindert werden können.

Besonders bemerkenswert finde ich,  dass der Fortschritt im Sinne von Edward Faulkners in den letzten mehr als 70 Jahren nun gar nicht so sehr der Einsatz von Maschinen sondern die intelligente Nutzung von Rinden und anderen Wiederkäuern ist.  Siehe dazu meinen Blogbeitrag Optimierung im Getreideanbau und Hochwasserschutz durch Integration der Mutterkuhhaltung.

Insbesondere Rinder machen mit ihren scharfen Klauen und ihrem hohen Bodendruck bei intelligentem Weidemanagement und hoher Dichte, im Grunde genau das, was die Scheibenegge bei Edward Faulkner macht: Bei hoher Weidedichte zertrampeln sie 50 bis 70 Prozent des Pflanzenmaterials und drücken dies in die Bodenoberfläche. Dazu düngen sie dann auch noch.

Bestimmte Prinzipien der Landbewirtschaftung wiederholen sich von Edward Faulkners Plowman’s Folly (hier auf eine kostenlose pdf-Version verlinkt), über Allan Savorys Weidewirtschaft (hier Link auf TED-Vortrag mit deutschen Untertiteln), Gabe Browns Komination aus Getreideanbau und Mutterkuhhaltung, und eben auch dem biointensiven Gartenbau nach John Jeavons den unglaublichen Ergebnissen der Singing Frogs Farm der Familie Kaiser:

  • Wurzeln als Futter für Bakterien und Kleinlebewesen im Boden verrotten lassen ist der beste Kompost.
  • Ein großer Teil des organischen Materials (Pflanzenreste!) wird NICHT abgeerntet sondern als Futter für Bakterien und Kleinlebewesen belassen.
  • Ein großer Teil des organischen Materials (Pflanzenreste!) wird bei Sonne als Schattenspender und bei Regen zum Abbremsen von Regentropfen verwendet. Damit wird der Boden vor dem Austrocknen geschützt und es wird die Verdichtung und Errosion des Bodens bei Regen vermieden.
  • Das Land wird faktisch optimal als Sonnenpaneel genutzt. D.h., Sonnenstrahlen werden möglichst optimal für die Photosynthese genutzt.

Man vergleiche das alles mit den oft wochen- und monatelang blank liegenden, umgepflügten Feldern. Dort kann der Boden austrocknen und wenn ein starker Regenschauer kommt wird der Boden weggewaschen, wie ich es in meinem Blogbeitrag Bodenerosion in Maisfeldern nach einem Unwetter im Burgenland mit Fotos dokumentiert habe. Dazu kommt, dass auf umgepflügten Feldern so gut wie keine Photosynthese möglich ist. Die Sonnenstrahlen werden also nicht genutzt oder schaden sogar, anstatt zur Produktion von Biomasse genutzt zu werden, die man zur Verbesserung der Böden braucht – und mit der man, wie Edward Faulkner gezeigt hat, selbst auf einem Boden der zunächst „eher als Ziegelfabrik taugt“,  nach einiger Zeit hohe Erträge erzielen kann.

Wenn man nun bedenkt, dass Hunger, wie der russisch-amerikanische Soziologe Pitirim A. Sorokin in Hunger As a Factor in Human Affairs erklärt, die Menschen alle Werte und Gesetze vergessen und die Menschen zu Bestien werden lässt, dann könnte man annehmen, dass gerade auch  vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte,  2017 in Deutschland unter anderem keine gepflügten Felder mehr zu sehen sind.  Ich habe aber 2017 in Deutschland jede Menge gepflügte Felder gesehen.

Kelberg, den 3. April 2017

Christoph Becker

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2 Gedanken zu „Die Torheit der Pflügenden und die Geschichte“

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