Musikergagen und Energie

Auf der Facebookseite eines jungen Musikers sah ich die unten stehende Klage “Einen Musiker engagieren?”, die mich als Zahnarzt und Handwerker zum Widerspruch gereizt hat:

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Der junge Musiker findet es unfair, dass es offenbar Leute gibt, die Musiker “für eine Auftrittsgelegenheit und die Möglichkeit einer Erfahrung” für Veranstaltungen engagieren wollen. Er zählt dazu eine ganze Reihe von Kosten auf, die er als Musiker hatte und meint, dass doch niemand auf die Idee käme “Klempner, Schneider, Friseur, Arzt, Zahnarzt, Optiker, Elektriker, Chef (Koch), Techniker, Ladenbesitzer” umsonst arbeiten zu lassen.

Das ist eine in mehrfache Hinsicht interessante Argumentation. Warum?

Ungleiche Einkommenverteilung durch Rationalisierung und technische Möglichkeiten

Was Musiker von den aufgezählten, aus Sicht des Musikers finanziell besser gestellten, Berufen unterscheidet ist zunächst ein Phänomen unserer modernen Zivilisation:

Moderne Technik macht es möglich die Produkte von Musikern, aber auch die von Fotografen und anderen Künstlern, extrem kostengünstig nahezu unbegrenzt zu vervielfältigen und zu konservieren.  Das führt dazu, dass einige wenige Spitzenkräfte extrem hohe Einkünfte erzielen, während für die meisten Künstler keine oder nur sehr geringe Einkünfte zu erzielen sind. Bei den aufgezählten anderen Berufen ist die Lage anders. Ein “Klempner, Schneider, Friseur, Arzt, Zahnarzt, Optiker, Elektriker, Chef (Koch), Techniker, Ladenbesitzer” kann vielleicht auf die eine oder andere Weise  ein Vielfaches des Durchschnitts seiner Kollegen  verdienen, oder besser gesagt einnehmen. Selbst bei Ausschöpfung aller Möglichkeiten bleibt der Unterschied zwischen dem Mittelwert und dem Spitzenwert in den aufgezählten Berufsgruppen aber relativ gering im Vergleich zu dem, was in Kunst und Sport dank moderne Technik möglich ist.

Anders als viele Berufe, die durch Rationalisierung und moderne Technik überflüssig geworden sind, gibt es für Musiker und Künstler aber immerhin noch die Chance, durch Glück und besonders gute Leistung Spitzeneinkommen zu erzielen. Ein Musiker der “für eine Auftrittsgelegenheit und die Möglichkeit einer Erfahrung” auftritt, erhält als Gage eben auch ein Los einer Lotterie, bei dem die Hauptgewinne extreme Spitzeneinkommen sind. Daneben ist sollte ein Teil der Bezahlung eines Musikers immer auch die Freude an dem sein,  was er tut. Wenn er die nicht hat, sucht er sich sowieso besser eine andere Beschäftigung, weil er dann ganz grundsätzlich eher nicht die Voraussetzung für einen Hauptgewinn erfüllt.

Am Montag, den 25. 11.2014, wurde vom Bayrischen Rundfunk die Sendung “Jetzt mal ehrlich – Einmal Mittelalter und zurück” ausgestrahlt, die eine ganze Reihe von Künstlern und Handwerkern zeigt, die  nur für “für eine Auftrittsgelegenheit und die Möglichkeit einer Erfahrung” auftreten, und die das tun, weil es ihnen Freude macht.

 

Freude an der Tätigkeit als Teil der Bezahlung

Damit komme ich zur “Freude an der Tätigkeit” als  einem Aspekt der Bezahlung. Bei vielen der vom  jungen Musiker aufgeführten Berufen ist die Tätigkeit oft langweilig, routinemäßig und durch Vorschriften und Bürokratie vergällt.  Tätigkeiten werden oft auch deshalb bezahlt, weil sie  ziemlich ätzend sind und wenig Freude machen.

Es kann aber mit etwas Glück auch anders herum sein.  Weil jemand Freude an einer Tätigkeit hat, kann er sich unabhängig von der Bezahlung überdurchschnittlich anstrengen und auch finanziell vielleicht zunächst unattraktiven Aktivitäten, einfach so, aus Freude an der Sache, ohne an Geld zu denken, “für eine Auftrittsgelegenheit und die Möglichkeit einer Erfahrung“, widmen und sich weit überdurchschnittlich anstrengen. Das kann sich dann irgendwann finanziell lohnen, muss es aber nicht. Die häufigsten Beispiele sind sicherlich Spitzenleistungen in verschiedenen Hobbys und Sportarten, wo die Betreffenden oft sogar erhebliche Summen ohne Aussicht auf Rentabilität investieren.  Das Hobby kann aber auch ein Beruf sein oder es kann, wie bei Michael Schumacher, zu einem sehr gut bezahlten Beruf werden. Es kann sogar sein, dass ein Beruf ohne dass man das geplant hat zu einem Hobby wird und sehr viel Freude macht, während genau deshalb das Einkommen weit unter dem bleibt, was man von dem betreffenden Beruf erwartet. Für mich selbst war die Arbeit als Zahnarzt jedenfalls die meiste Zeit finanziell sehr enttäuschend, auch wenn ich es dank meines zusätzlichen Ingenieurstudiums geschafft habe, wirtschaftlich zu überleben, aber die Tätigkeit als Zahnarzt insgesamt hat mir sehr viel Freude gemacht, und macht das auch immer noch. Die Freiheit zu tun was man für gut und richtig hält, die Freiheit und Möglichkeit immer wieder neue Wege zu gehen und Neues zu lernen,  und die Freude an der Arbeit, die man damit hat, kann eben auch einen Preis in Form eines unerwartet niedrigen Einkommens  erfordern.  Wenn man aber die Freude an der Arbeit als Teil des Einkommens betrachtet, kann dieses dann dennoch sehr hoch sein. Das kann auch bei Musikern so sein.

Musik, Kunst, der EROEI-Faktor und die Komplexitätskosten

EROEI steht für Energy Return on Engery Invested. Damit eine Gesellschaft sich überhaupt Musik und Kunst leisten kann, muss ihr sehr viel mehr an Energie zur Verfügung stehen, als sie zur Produktion und Erschließung von Energie benötigt. In unserer Gesellschaft sind zur Zeit nur noch ca. 2 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig.  Das war nicht immer so und es wird auch nicht so bleiben. Ein steigender Anteil der Bevölkerung, zudem durch die immer weiter steigende Komplexität unserer Gesellschaft mit zunehmend unproduktiven Verwaltungstätigkeiten und mit der Erfüllung oft unsinniger Vorschriften beschäftigt.  Im Energiesektor sinkt der EROEI seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Siehe z.B. Teil 19, Engery Economics, von Chris Martensons Crash-Course, (wenn Englisch ein Problem ist, tut es auch Teil 17b der alten, klassischen Version des Crash Course aus dem Jahre 2008).  Ob und wie weit eine Gesellschaft sich überhaupt Ausgaben für Musik und Kunst leisten kann, hängt von ihrem EROEI-Faktor ab.  Je niedriger diese ist, je mehr Ressourcen müssen für Energiegewinnung ,  Landwirtschaft, Militär und andere lebenswichtige Bereiche aufgewendet werden, und je weniger steht für Kunst und Musik zur Verfügung.

Interessant ist hier vielleicht auch, dass die Komplexität einer Gesellschaft einerseits Energie und damit Ressourcen kostet und dass diese Komplexität zwangsläufig immer größer wird, bis die Gesellschaft diese Kosten nicht mehr aufbringen kann, kollabiert, oder eben wie im Fall des oströmischen, bzw. byzantinischen Reiches im 7. Jahrhundert, seine Komplexität unfreiwillig-freiwillig vorsätzlich drastisch reduziert, um einen sonst unvermeidlichen Zusammenbruch  zu vermeiden.

Siehe hierzu  Kollaps komplexer Gesellschaften – Interview mit Prof. Dr. Joseph Tainter und vor allem auch  Dem Energiedilemma auf den Grund gegangen.

Was passiert mit den Musikern und Künstlern und ihren Gagen, wenn unsere westliche Gesellschaft kollabiert, weil ihr EROEI-Faktor zu gering oder ihre Konmplexitätskosten zu groß werden? Eine gute Vorstellung geben James Howard Kunstlers  Romane  World Made by Hand
(Mit der Hand gemachte Welt) , The Witch of Hebron (World Made by Hand Novels) (Die Hexe von Hebron, einer kleinen Stadt im US-Bundesstaat New York) und A History of the Future: A World Made By Hand Novel (Eine Geschichte der Zukunft: Ein “Mit der Hand gemacht Welt-Roman ).  Diese Romane zeigen das Leben im Nordosten der USA in einer Zeit nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Gesellschaft.  Eine der Hauptfiguren ist ein ehemaliger Manager einer Computerfirma, der nun als selbstständiger Zimmermann arbeitet und der nebenbei auch Musiker ist. Nur sehr wenige Reiche, wie der lokale Großgrundbesitzer,  der  dank eines kleinen Wasserkraftwerks etwas Strom hat, können noch Musikkonserven genießen. Der Rest der Bevölkerung kommt, wie vor 200 Jahren, nur noch dann in den Genuss Musik zu hören, wenn die lokalen Musiker musizieren,  was z.B. bei Festen der Fall ist. Der relative Wert der Leistung der Musiker steigt in so einer Situation, weil die Technik und die Energie für die Multiplikation der Leistung von Spitzenmusikern und auch die Möglichkeit große Konzerte zu organisieren und zu besuchen verschwindet, und auch weil die Möglichkeiten zur Herstellung und Nutzung von Musikkonserven verschwinden. Trotzdem wird aber die materielle Vergütung der Leistung der Musiker eher schlechter, weil die Menschen einen drastisch größeren Teil ihrer Leistung für die Befriedigung von  Grundbedürfnissen wie Ernährung, Sicherheit und Unterkunft aufwenden müssen. Musik und Kunst wird also auch dann, und sogar mehr als heute,  für “für eine Auftrittsgelegenheit und die Möglichkeit einer Erfahrung” UND, wie heute hoffentlich auch, für die Freude an der Leistung erbracht werden.

 

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