Reich der Illusionen

Der amerikanische Theologe, Journalist und Autor Chris Hedges hat unter anderem ein Buch mit dem Titel Empire of Illusion – The End of Literacy and the Triumph of Spectale geschrieben. Übersetzt  Großreich der Illusionen – Das Ende der Bildung und der Sieg des Schauspiels. Das Buch hat fünf Kapitel:

1. Die Illusion der Bildung.

Hier nimmt er die Welt der Reality TV-Shows, die TV-Serien und den hohen Prozentsatz der vollständigen und der funktionellen Analphabeten in Nordamerika aufs Korn. Gut 4 von 10 amerikanischen und kanadischen Bürgern sind offenbar nicht in der Lage, längere Texte zu lesen und zu verstehen. 8 von 10 Familien in den USA haben 2007 kein Buch gekauft. Show, Schein und Berühmtheit (…  Next Top Modell, Big Brother usw) sind Trumpf. Die Fähigkeit Wahrheit von Lüge zu unterscheiden und gefährliche Entwicklung und drohende Katastrophen zu erkennen, bleibt auf der Strecke.

2. Die Illusion der Liebe

Hier berichtet er aus der Pornoindustrie in Las Vegas und zeigt, wie kaputt die Pornodarsteller oft tatsächlich sind, und dass diese Pornos eben auch nur Illusionen sind. Bemerkenswert an dieser Reportage fand ich auch die indirekte Botschaft, dass die Nachfrage nach der Illusion von Gewalt gegen Frauen in den letzten Jahren massiv gestiegen zu sein scheint. Die offiziellen Trends und Bemühungen zur Gleichstellung der Frauen, zu Gendermainstreaming, Gleichstellungsbeauftragten, Frauenquoten usw. laufen also faktisch parallel mit einer steigenden Nachfrage nach immer krasseren Illusionen von Gewalt gegen Frauen. Die beunruhigende Frage, die ich mir dazu stelle ist, was wohl passieren wird, wenn die Staatsgewalt in den westlichen Industrieländern durch Kriege oder Katastrophen ausfällt. Der amerikanische Autor James Howard Kunstler mein, dass dann wohl eine Mengen sehr unschöne Dinge passieren werden. Chris Hedges beschließt das Kapitel wie folgt:

Sie [die Pornographie] ersetzt Empathie, Eros, und Mitgefühl mit der Illusion, dass wir Götter sind. Pornographie ist die glitzernde Fassade, wie die Kasinos und Urlaubsorte in Las Vegas, wie der Rest der Phantasie die Amerika ist, von einer Kultur, die vom Tod verführt ist.

3. Die Illusion der Weisheit

Hier geht es um die Universitäten. Man bedenke, dass Chris Hedges selber an der Harvard Universität einen Master in  Theologie erworben hat. Seine Ausführungen über modernen Atheismus und über den Sinn von Religion sind das Beste und Scharfsinnigste,  was ich bis heute von einem evangelischen Theologen vernommen habe. Doch hier nun Zitate aus seinem Kapitel über die Illusion der Weisheit:

Die Eliteuniversitäten verachten seriöse intellektuelle Untersuchungen, welche von ihrer Natur her misstrauisch gegenüber Autoritäten, leidenschaftlich unabhängig und oft umstürzlerisch sind. Sie organisieren das Studium, um sehr hoch spezialisierte Disziplinen, eng begrenzte Antworten und starre Strukturen die dazu entworfen sind solche Antworten zu geben.

Sinngemäß führt er aus, dass amerikanische Hochschulen faktisch nur noch Berufsschulen sind, deren Aufgabe darin besteht für die Industrie und Konzerne nützliche Fachidioten mit Scheuklappen und Tunnelblick zu produzieren.

Obama ist ein Produkt dieses elitären Systems. Genauso wie die Diplom geschmückten Mitglieder seines Kabinetts. Die kommen von Harvard, Yale, Wellesley und Princeton. ……. Unsere Machtelite hat einen blinden Glauben in ein zerfallendes politisches und finanzielles System, das sie genährt, bereichert und zur Macht gebracht hat. Aber diese Elite kann unsere Probleme nicht lösen. …… Der Elite, und denen die für sie arbeiten, hat niemand beigebracht die Annahmen ihres Zeitalters zu hinterfragen. Das sozial wichtige Wissen und die kulturellen Ideen die in der Geschichte, Literatur, Philosophie und Religion enthalten sind, und die in ihrem Kern umstürzlerisch und bedrohend für Autoritäten sind, wurden von der öffentlichen Diskussion verbannt.

Ironischerweise haben die Universitäten hunderttausende von Absolventen für Beschäftigungen ausgebildet, die es bald nicht mehr geben wird. Sie haben Leute ausgebildet, um ein System zu erhalten das nicht erhalten werden kann. Die Elite, genauso wie jene mit den schmalspurigem, speziellen Berufsbildungen, weiß nur wie man das Ungeheuer füttert bis es stirbt. Wenn es erst einmal tot ist, sind sie hilflos. Glaubt nicht, dass sie uns retten. Sie wissen  nicht wie. Sie wissen nicht einmal, wie man die Fragen stellen muss. Und wenn alles zusammenbricht, wenn unser verrottetes Finanzsystem mit seinen Billionen wertlosen Werten implodiert und unsere imperialen Kriege mit Demütigungen und Niederlagen enden, dann wird die Machtelite sich als genauso hilflos und von sich selbst getäuscht erweisen wie der Rest von uns.

4. Die Illusion des Glücks

Hier geht es um die positive Psychologie. Persönlich meine ich schon, dass man durchaus in fast jeder Situation ganz real und nüchtern betrachtet auch Positives und neue, interessante Möglichkeiten finden kann. Ob und wie gut das gelingt, wird aber von einer Reihe von Faktoren abhängen.

Was Chris Hedges an der positiven Psychologie kritisiert ist, dass sie offenbar oft wie eine Droge missbraucht wird, um den Blick auf die Realität zu vernebeln. Wer kritiklos und naiv nur positiv denkt und die Welt nur durch eine rosarote Brille sieht, der ist vielleicht für die Regierung, Unternehmen und Vorgesetzte pflegeleicht. Wenn positives Denken aber reale Tatsachen und Probleme ignoriert und positive Veränderungen verhindert, weil ja alles schon positiv ist oder sein sollte, dann hat man ein Problem.  Wenn die erfahrene Wirklichkeit so gar nicht zu dem positiv (vor)gedachten und übermittelten  Bild passt, kommt es zu Spannungen, Minderwertigkeitsgefühlen und Ängsten.

Hier das Zitat des letzten Abschnitts dieses Kapitels (S.: 138–139):

Die von den Vertretern der positiven Psychologie propagierte Ideologie hat eine dunkle, heimtückische Eigenschaft. Sie verurteilen jede soziale Kritik und Bilderstürmer, die Dissidenten und Individualisten, weil sie sich nicht unterwerfen und keine Erfüllung im kollektiven Muhen der Herde der großen Unternehmen finden. Sie ersticken Kreativität und moralische Selbständigkeit. Sie versuchen individuelle Menschen so zu formen und so anzupassen, dass sie Teil eines willfährigen Kollektivs werden. Die Hauptlehre dieser Bewegung, die die Ideologie des Staates der großen Firmen widerspiegelt, ist dass Erfüllung in der vollständigen und totalen sozialen Übereinstimmung zu finden ist, eine Übereinstimmung die alle totalitären und autoritären Strukturen denen, die sie dominieren aufzuzwingen versuchen. Ihre falschen Versprechen von Harmonie und Glück steigern nur interne Ängste und Gefühle der Unzulänglichkeit. Die drängenden Unterströmungen der Entfremdung und der ständige Druck falsche Begeisterung und falschen Elan zur Schau stellen zu müssen, zerstört reale Beziehungen. Die Einsamkeit eines Arbeitslebens, wo Selbstdarstellung wichtiger ist als Echtheit und wo man immer fröhlich, optimistisch und positiv sein muss, egal in welcher Stimmung oder Situation man sich befindet, ist verwirrend und belastend. Das schreckliche Gefühl, dass positiv sein in Wirklichkeit nicht funktioniert, wenn man seine Arbeit verliert, muss begraben und unterdrückt werden. Hier im Land der glücklichen Gedanken gibt es keine groben Ungerechtigkeiten, keinen Missbrauch von Autorität, keine in Frage zu stellenden wirtschaftlichen und politischen Systeme, und keinen Grund sich zu beschweren. Hier sind wir alle glücklich.

5. Die Illusion von Amerika

Hedges beginnt damit, dass die USA seiner Vorfahren und auch seiner Kindheit und Jugend zwar durchaus Mängel hatten, aber insgesamt doch gut und ehrwürdig waren. Die Demokratie, die Presse, die Wirtschaft und die Gesellschaft und Ihre Institutionen hätten im wesentlichen funktioniert. Er war dann zwanzig Jahre als Auslandskorrespondent vor allem in Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz und kaum in den USA. Die heutigen USA, die er bei seiner Rückkehr vorgefunden habe, würden zwar immer noch dieselbe Sprache, die selben Symbole und die selben nationalen Mythen benutzen wie früher, aber das sei alles nur noch eine leere Hülle. Die alten USA seien weitgehend verschwunden und unkenntlich geworden. (Zitat S. 142-143):

Unsere Nation ist von Oligarchen gekapert, große Firmen und eine kleine, selbstsüchtige politische und wirtschaftliche Elite, eine kleine privilegierte Gruppe die regiert und oft aus finanziellem Interesse stiehlt. Diese Elite hat im Namen von Patriotismus und Demokratie, im Namen all der Werte die einmal Teil des amerikanischen Systems waren und die die protestantische Arbeitsethik begründete haben, systematisch unsere Produktionssektor zerstört, unsere Staatsfinanzen geplündert unser Demokratie korrumpiert und unser Finanzsystem zerstört. Während dieser Plünderung sind wir passiv geblieben, hypnotisiert von den verlockenden Schatten an der Wand, die uns versprachen, dass unsere Fahrkarten zu Erfolg, Wachstum und Glück gleich um die Ecke auf uns warteten.

Die Regierung, von jeder wirklichen Souveränität befreit, bietet wenig mehr als technische Expertise für Eliten und große Firmen, denen moralische Schranken und ein Konzept des Allgemeingutes fehlen. Amerika ist eine Fassade geworden. Es ist die größte Illusion in einer Kultur der Illusionen. Es repräsentiert eine Macht und eine demokratische Ethik, die es nicht besitzt. Es versucht unendliches Wachstum durch das Leihen von Billionen Dollar, die es niemals zurückzahlen kann zu generieren. ….. Wir fahren fort unseren Glauben in eine Phantomwirtschaft zu setzen, eine die durch Betrug und Lügen charakterisiert ist, die die reichsten 10 Prozent erhält. …. Wir versuchen vergeblich zu einer Blasenwirtschaft zurückzukehren, anstatt uns mit der harten Realität zu konfrontieren, die vor uns liegt. ….. Wir bleiben der Versuchung zu der Selbsttäuschung erlegen, dass wir immer noch alle reich werden können. …..

Weiter auf S. 143:

Kulturen, die nicht zwischen Illusion und Realität unterscheiden können, sterben. Die letzten Atemzüge aller sterbenden Reiche, von den Azteken zu den alten Römern, zum französischen Königreich und dem österreichisch-ungarischen Kaiserreich, hatten gemeinsam, dass der Bezug der Eliten zur Realität verloren war. Die Eliten waren von absurden Phantasien der Allmacht und Macht geblendet die ihre Zivilisationen untergehen ließ. ……

In keiner Periode der amerikanischen Geschichte war unsere Demokratie so in Gefahr und Totalitarismus so wahrscheinlich wie heute. Unsere Art zu Leben ist vorbei. Unsere verschwenderischer Konsum ist zu Ende. Das ist die trostlose Zukunft. Das ist Realität. …..

Wie werden wir mit unserem Abstieg umgehen?

Aktuell versuchen sich die Amerikaner mit der auch in deutschen Medien teilweise enthusiastisch gefeierten Schieferöl- und Fracking- Geschichte neuen Mut zu machen. Nüchterne Analysen wie sie z.B. in Kapitel 21, Shale Oil, der neusten Version von Chris Martensons Crash Course gut und übersichtlich dargestellt werden, zeigen aber, dass auch der angebliche neue, durch Fracking und Schieferöl ermöglichte Ölboom eher eine Illusion ist. Diese Meinung vertreten  auch Max Keiser und die in der Sendung  von seiner Kollegin Stacey Herbert zitierten Quellen im Keiser-Report Nr. 642 vom 18. August 2014. Danach ist die Schieferöl- und Schiefergaseuphorie in den USA nur eine weitere Finanzblase, die ähnlich wie die 2008 in den USA geplatzte Hypothekenblase bersten wird.  Der amerikanische Autor und Blogger James Howard Kunstler schrieb zum Schluß seines Blogbeitrags vom 11.08.2014 sogar:

Die Schieferölgeschichte ist falsch. Nach meiner Berechnung hat unsere … Wirtschaft  noch ein Jahr, bevor die Öffentlichkeit auf breiter Basis begreift, in welchen Schwierigkeiten wir stecken. Das Erstaunliche ist, dass die Öffenlichkeit das noch vor ihrer politischen Führung begreifen könnte. Diese Dynamik führt direkt zum zumindest in den letzten 150 Jahren Undenkbaren, dem Auseinanderbrechen der Vereinigten Staaten.


Doch nun weiter auf S. 190 in dem Buch von Chris Hedges:

Je schlimmer die Realität wird, desto weniger möchte eine bedrängte Bevölkerung von ihr hören und je mehr lenkt sie sich mit erbärmlichen Pseudo-Ereignissen des Unglücks von Berühmtheiten, Klatsch und belanglosem Zeug ab. Diese sind die verdorbenen Orgien einer sterbenden Zivilisation. Die verhängnisvollste kulturelle Trennung liegt zwischen denen, die fabrizierten Illusionen nachjagen und denen, die fähig sind die Illusionen anzustechen und mit der Realität zu konfrontieren. Mehr als die Trennung der Rassen, Klassen, oder Geschlechter, mehr als ländlich oder städtisch, mehr als roter oder blauer Staat [rot und blau sind Farben der beiden großen Parteien in den USA], hat sich unsere Kultur in radikal unterschiedliche, unüberbrückbare, gegensätzliche Einheiten gemeißelt, die nicht länger die selbe Sprache sprechen und die nicht mehr kommunizieren können. Dies ist die Grenze zwischen einer gebildeten, an den Rand gedrängten Minderheit und jenen, die von einer ungebildeten Massenkultur vereinnahmt werden.

Die Massenkultur ist eine Peter-Pan Kultur. Sie erzählt uns, dass unser Leben harmonisch und vollständig sein wird, wenn wir unsere Augen schließen, wenn wir uns vorstellen, was wir wünschen, wenn wir an uns selbst glauben, wenn wir Gott erzählen das wir an Wunder glauben, wenn wir unsere inneren Stärken anzapfen, wenn wir verinnerlichen, das wir wirklich außergewöhnlich sind, wenn wir uns auf Glücklichsein konzentrieren. Dieser kulturelle Rückzug in Illusionen, ob er nun von positiven Psychologen verbreitet wird, von Hollywood oder christlichen Priestern, ist eine Form des magischen Denkens. Dieser Rückzug in Illusionen macht aus wertlosen Hypotheken und Schulden Reichtum. Er macht aus der Zerstörung unserer Produktionsbasis eine Gelegenheit zum Wachstum. Er macht aus Entfremdung und Angst eine fröhliche Übereinstimmung. Er macht aus einer Nation die illegale Kriege führt und Strafkolonien in Übersee unterhält, wo offen Folterpraktiken angewendet werden, die größte Demokratie der Welt.

Die Welt, die uns erwartet wird schmerzhaft und schwierig sein. Wir werden zurück zur Realität gezerrt werden, zu dem Verständnis, dass wir die Realität nicht nach unseren Wünschen formen können, oder wir werden in Despotie abgleiten. Wir werden lernen unsere Lebensstile radikal anzupassen, so dass sie mit den schrumpfenden Mitteln, Umweltschäden und einer schrumpfenden Wirtschaft ebenso wie mit unserem Abstieg als Militärmacht fertig werden, oder wir werden uns an unsere Illusionen klammernd sterben. Dies sind die harten Wahlmöglichkeiten die vor uns liegen.

Vieles was Chris Hedges aus seiner Sicht als Amerikaner über die amerikanische Gesellschaft schreibt, trifft auch auf Deutschland und Europa zu. Manche seiner Beobachtungen erinnern zudem an Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Manches erinnert an den Film Der Untergang in dem die Hitlers letzte Tage geschildert werden.

Aus deutscher und europäischer Sicht kommt aber noch hinzu, dass mit dem Niedergang der USA  unsere militärische Schutzmacht ausfallen wird und das unsere geopolitische Lage eine andere ist. Dass Chris Hedges in seinem Buch die USA mit dem morschen österreichisch-ungarischen Kaiserreich vor dem 1. Weltkrieg vergleicht, das 1914 Deutschlands wichtigster Verbündeter war und dessen Instabilität und Illusionen wesentliche Ursache für den 1. Weltkrieg mit allen Folgen die er für Deutschland hatte, war, sollte uns in Deutschland besonders nachdenklich stimmen. Unser wichtigster Verbündeter ist heute jedenfalls wieder ein morsches, in Illusionen schwelgendes Großreich. Aber auch das deutsche Kaiserreich hat damals eine Menge Illusionen gepflegt und sich mehr der Realität verweigert als gut war. Sind wir heute besser? Wenn nicht, könnten wir vielleicht besser, realistischer und damit überlebensfähiger werden?

Kelberg, den 19.8.2014, zuletzt überarbeitet am 24.8.2014

Christoph Becker

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