Der Abgeordnete, der vom Netz ging

Während der vier Stunden, die er verbrachte um mir alles zu zeigen hat Bartlett ständig betont, dass er sich nur auf sehr einfache Technologie verlässt, um in seiner kleine Ecke von West Virginia leben zu können – die Sonnenpaneele und die Batterien, die sie laden, die Stromwandler, die Wasserleitungen und die Holzöfen.

Bartlett erzählt mir, dass die Einfachheit des Bauernhofes eine Herausforderung sei, aber sie ist ebenso eine Sicherheitsvorkehrung. Wenn er sterben würde, sagte er, könnte seine Frau nicht in der Lage sein, eine kompliziertere Technologie zu reparieren. Und außerdem, erzählte er mir, wenn er Hightech Stromwandler “voll gepackt mit Computern, und Chips und Zeugs,” benutzen würde könnten sie versagen und dann wären sie in Schwierigkeiten. Ich frage warum das ein Problem sein könnte – können Sie nicht einfach zur nächsten Stadt fahren und und einen mitnehmen oder einen neuen im Internet bestellen? “Ich weiß nicht,” antwortete er. “Ein gigantischer Sonnensturm? EMPs?”

EMP ist die Abkürzung für elektromagnetischer Impuls, eine elektronische Störung die von einem Gefechtskopf – atomar oder konventionell – verursacht werden kann und die schlagartig elektrische Ausrüstung für Monate unbrauchbar machen kann. Für Überlebenskünstler von Bartletts Typ ist es eine der grauenerregenden Bedrohungen, gegen die zu schützen all dieses Landleben gedacht ist. Bartlett weist mich darauf hin, dass jedes einzelne von Amerikas 17 kritischen Infrastruktursystemen (anm. d. Übersetzers: der Link im Originalartikel funktioniert nicht,  die Seite der Homeland Security, die ich ersatzweise verlinkt habe, kennt nur 16 kritische Bereiche) – Nahrung und Landwirtschaft, Wasser und Abwasser, Transport, Rettungswesen usw. – ohne Elektrizität unbrauchbar ist. Hier in West Virginia mit einem von der Gemeinde komplett unabhängigen Stromsystem ist er für den Fall eines umfassenden Stromausfalls sicher. (Seine Frau merkt hilfreich an, dass auf 1200 Meter Höhe eine gewaltig große Menge Land überflutet werden kann bevor die Flut auch sie erreicht.)

Und EMPs sind nicht Bartletts einzige Sorgenquelle. Im Jahr 1859 gab es eine Sonneneruption – einen starken Energiesturm – in Richtung Erde. Die geladenen Teilchen des Sturmes setzten Telegrafenleitungen in Brand und machten andere für Monate unbrauchbar. Dieser Strom ist jetzt als “Carrington Event” bekannt, nach Dr. Josef Carrington, dem Mann, der ihn studiert hat. Es wird geschätzt, dass solche Stürme einmal in 150 Jahren vorkommen – das, heißt der nächste ist überfällig. In den 1850ern waren wir noch nicht vollständig auf Strom und Technologie angewiesen, daher waren die Auswirkungen minimal. Ein ähnliches Ereignis heute würde zwischen 600 Milliarden bis 2,6 Billionen Dollar kosten und könnte das Stromversorgungsnetz zwischen Washington und New York für bis zu 2 Jahre abschalten, wie ein Bericht von Lloyds, einer britischen Gruppe die Risiken für Versicherungen untersucht, im Juni 2013 feststellte.

In den letzten 36 Monate gab es Sonnenstürme, die stark genug waren GPS Satelliten zu stören, die internationale Raumstation zu bedrohen und äußerst wichtige militärische Satelliten für einige Minuten abzuschalten. Stärkere Stürme würden Elektronik auf der Erde für eine unbekannte Zeitperiode beschädigen oder zerstören und ein EMP würde einen ähnlichen Effekt haben. Bartlett zur Folge könnte ein Terrorist “mit einer Scud-Raketenstartvorrichtung für 100.000 Dollar und jeder einfachen Atomwaffe” eine Bombe über der Atmosphäre zünden und die Stromversorgung für ein Jahr oder mehr funktionsunfähig machen.

Es gibt Methoden zum “Härten”, oder zum Schützen, von elektrischen Transformatoren und anderer Infrastruktur, aber das zu tun ist teuer. Nachdem ein Sonnensturm die Stromversorgung in Quebec 1989 für 12 Stunden abgeschaltet hat, hat die kanadische Regierung 1,2 Milliarden Dollar in die Härtung des Stromnetzes investiert aber in den USA wurden keine vergleichbaren Aktionen unternommen. Das Beste, was der Kongress noch erreichen konnte, war der GRID Act (Stromnetz Gesetz), ein Gesetz im Jahr 2010 für das ich Bartlett engagierte und das die amerikanische Energieaufsichtsbehörde (Federal Energy Regulatory Commission) beauftragt hätte, nach Wegen zu suchen, um das Stromnetz vor Angriffen über das Internet und vor Bedrohungen durch Sonnenstürme zu schützen. Das Gesetz passierte das Repräsentantenhaus, aber es wurde nie vom Senat angenommen, was Bartlett sehr frustrierte. “Wenn ein Ereignis das Leben wie man es kennt zu beenden droht, wie kann man dann sagen dass es zu teuer ist?” fragt er. “Es ist absolut sicher das es passieren wird “.

Bartlett ist nicht der einzige der sich wegen EMPs sorgt: Newt Gingrich versprach im Wahlkampf bei den Vorwahlen der Republikaner für die Präsidentschaftskandidatur, dass er das Stromnetz gegen einen EMP Angriff schützen würde, ein Ereignis das wie Gingrich betonte, alleine in der ersten Woche Millionen Todesfälle verursachen würde.


“Du bist einen langen Weg hierhin gefahren. Wie viele Häuser hast du brennen gesehen? fragt er.


Aber Bartlett und Gingrich hatten wenig andere Verbündete in der Regierung. Trotz ihres Schiebens und Stoßens (Bartlett weist mich darauf hin, dass eine wissenschaftliche Kommission die er 2004 einzusetzen half, zu der Feststellung kam “ein entschlossener Gegner kann einen EMP Angriff durchführen ohne dafür ein hohes technisch/wissenschaftlich/organisatorisches Niveau haben zu müssen.”), haben die Alarmglocken in Washingtons nie wirklich geläutet. Ein übliches Herangehen an das Problem ist, wie Yousaf Butt, von der Vereinigung amerikanischer Wissenschaftler sich ausgedrückt hat “wenn Terroristen Etwas ernstes tun möchten, dann benutzen Sie eine Massenvernichtungswaffe – und nicht Massenunterbrechung.”

Das ist der Grund, warum Bartlett im wesentlichen allein stand mit dem Vorhaben, den Kongress dazu zu bringen Milliarden Dollar auszugeben, um Amerikas Stromversorgung widerstandsfähiger zu machen – selbst wenn er Haushaltskürzungen im wesentlichen überall sonst befürwortete.

Bartlett nennt es “die Tyrannei des Dringenden.”

“Wir müssen etwas in dieser Sache im Kongress tun, aber das Dringende gewinnt immer Priorität gegenüber dem Wichtigen,” erzählte er mir als wir uns dem Ende der Tour nähern. Ich habe im Verlauf der Tour schon lange Bartletts Alter vergessen und ich versuche nur mitzuhalten, während wir die meiste Zeit des Tages durch dichten Wald wandern, auf Leitern in Kriechkeller klettern und durch Falltüren in Vorratskeller. Bevor ich zurück fahre stellte er mir eine Frage.

“Du bist einen weiten Weg gefahren um hierhin zu gelangen. Wie viele Häuser hast du brennen sehen?” fragt er.

“Keine,” sage ich.

“Haargenau, aber ich wette mit dir, jedes Haus hat eine Feuerversicherung. Und keines von ihnen hat eine Versicherung gegen etwas wie dies,” sagt er. “Das ist alles worum ich bitte. Ein wenig gesunder Menschenverstand. Dies [ein EMP-Angriff oder extremer Sonnensturm] wird passieren, und wir sind nicht darauf vorbereitet.”

Gut, vielleicht ist es der Rest von uns nicht. Roscoe Bartlett scheint es sicher zu sein.

Jason Koebler ist ein freiberuflicher Reporter für Wissenschaft und Technologie in Brooklyn [Stadtteil von New York]. Folgen Sie ihm @jason_koebler.

Internetadresse des Orignialartikels:

http://www.politico.com/magazine/story/2014/01/roscoe-bartlett-congressman-off-the-grid-101720.html#.U9y-xWM1RME

Übersetzung aus dem Englischen von Christoph Becker, Kelberg, Germany, den 2. August 2014

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