Dehumanisierung und Empathie

Warum und unter welchen Umständen kann es dazu kommen, dass Menschen andere Menschen und Gruppen von Menschen nicht mehr als Mitmenschen sehen, sondern als Objekte und sie  schamlos ausbeuten, plündern und wenn die  Umstände und Gesetze es erlauben, auch physisch vernichten? Ein Nebeneffekt der Suche nach einer Antwort ist die Feststellung, dass die heute allgemein als gut  dargestellte Empathie in der Realität oft auch ein wichtiges Werkzeug zur Maximierung des Grauens ist.  Auf das Thema wieder (( wieder, weil die verschiedene Aspekte des Problems der Dehumanisierung schon durch die  einige Zeit zurückliegende Lektüre von Eugen Sorgs Die Lust am Bösen: Warum Gewalt nicht heilbar ist und von Jean Hatzfelds Zeit der Macheten: Gespräche mit den Tätern des Völkermordes in Ruanda sowie einige Zeit später William Cattons Bottleneck : Humanity’s Impending Impasse: Humanity’s Impending Impasse kannte. )) aufmerksam geworden bin ich durch den  auf Youtube verfügbaren und hier verlinkten  Vortrag des kanadischen Professors Thomas Homer-Dixon: Catastrophic dehumanization: the psychological dynamics of severe conflict (dt.: Katastrophale Dehumanisierung: Die psychologische Dynamik schwerer Konflikte). Prof. Homer-Dixon hat diesen Vortrag  am 17. April 2012 an der James Martin School, an der Universität Oxford gehalten. Bereits am 13.  Februar 2012 hatte er einen vorläufigen Artikel mit dem Titel Catastrophic Dehumanization veröffentlicht, der auf seiner Internetseite im pdf-Format verfügbar ist: www.homerdixon.com/wp-content/uploads/2012/02/CATASTROPHIC-DEHUMANIZATION-Homer-Dixon-Feb-13-draft.pdf. Obwohl darin weitere Forschungsarbeiten zu diesem Thema angekündigt wurden, konnte ich per google (Stand 14. April 2017) außer dem oben erwähnten Vortrag keine weiteren Informationen dazu finden.

Prof. Homer-Dixon hatte sich lange Zeit mit Fragen der Konfliktforschung beschäftigt. Insbesondere war er an der Universität Toronto von 1990 bis 2001 Direktor, Peace and Conflict Studies Program, University College und von 2001–2007 Director, Trudeau Centre for Peace and Conflict Studies, University College. Seit 2008 hat er einen Lehrstuhl an der Universität Waterloo in Kanada. Man kann also davon ausgehen, dass sein Modell zur Dehumanisierung ziemlich gut fundiert ist (( Zu bedenken ist allerdings, dass gerade auch die kanadischen Universitäten (genauso wie die deutschen)  heute sehr dem Zeitgeist unterworfen und extrem “politisch korrekt” sind, so dass man leider davon ausgehen muss, dass Forschung und Lehre nicht mehr so frei sind wie früher. Prof. Homer-Dixon hat mit How Free Is Academic Freedom? (dt.: Wie frei ist die akademische Freiheit) im Mai 2012, also kurz nach seinem oben verlinkten Vortrag zur Dehumanisierung, einen Artikel zur Freiheit von Forschung und Wissenschaft veröffentlicht, der darauf schließen lässt, dass er seine akademische Freiheit etwas eingeschränkt sieht. Möglicherweise ist diese ein Hinweis darauf, warum er zum Thema Dehumanisierung keine weiteren Arbeiten veröffentlicht hat. )).

Einführung zum Thema Dehumanisierung

Ich übersetze und zitiere hier die ersten beiden Absätze der Einleitung von Prof. Homer-Dixons oben verlinkten Artikel über die katastrophale Dehumanisierung:

Teilnehmer von gewaltsamen Konflikten dehumanisieren ihre Gegner. In der Tat, sind einige Formen der Dehumanisierung diskutierbar eine definierende Eigenschaft der brutalsten Formen menschlicher Gewalt, wie das Flächenbombardement von Zivilbevölkerungen, Terrorangriffe auf städtische Zentren, intensive Kampfhandlungen auf Schlachtfeldern und Völkermorde.

Menschen, die Angehörige anderer Gruppen dehumanisieren, scheinen mindesten drei kognitive Veränderungen durchzumachen, die nicht notwendigerweise in der folgenden zeitlichen Reihenfolge erfolgen:

Erstens, deindividuieren sie die Mitglieder der anderen Gruppe. Wo sie vorher vielleicht die Mitglieder der anderen Gruppe als Individuen gesehen haben, jedes mit einer bestimmten und komplexen Charakteristik, Geschichte und Zielen, sehen sie diese, wenn sie erst einmal dehumanisiert sind, undifferenziert innerhalb ihrer Gruppe.

Zweitens, sie wenden auf diese undifferenzierten Mitglieder der anderen Gruppe hochgradig vorurteilsbeladene Karikaturen oder Sterotype an, die oft Analogien mit Tieren oder Maschinen beinhalten.

Drittens, und am wichtigsten: Sie verneinen die moralische Legitimität des Lebensstils, der Interessen und Aktionen der anderen Gruppe und sogar das Existensrecht der anderen Gruppe. In diesem Prozess  verweigern sie den Mitgliedern der anderen Gruppe den Schutz der allgemeinen moralischen Prinzipien.

Als ich den Vortrag zum ersten mal gehört habe, hat sich mir der Eindruck aufgedrängt, dass die sich für anständig und zivilisiert haltenden “Kampf-Gegen-Rechts”-Kämpfer gegenüber den Anhängern und Wählern der NPD und auch der AfD eben diesem Muster der katastrophalen Dehumanisierung folgen. Dasselbe gilt für viele der nach Deutschland geflüchteten oder eingewanderten “kulturellen Bereicherungen” aus dem Orient und aus Afrika.

Dehumanisierungs-Schalter mit Hysterese

In seinem Vortag erklärt Homer-Dixon, dass es bei den meisten Menschen von Natur aus so ist, dass sie gegenüber Menschen anderer Gruppen schlagartig auf Dehumanisierung umschalten können. Zurückschalten, bei dem aus den dehumanisierten Mitgliedern einer Gruppe wieder Menschen oder gar Nächste werden ist sehr viel schwieriger. Das heißt zum Zurückschalten ist wesentlich mehr Vertrauen und “Gerechtigkeit” nötig. Diesen Unterschied nennt man Hysterese.

Ein Beispiel, das Prof. Homer-Dixon zur Illustration des möglichen evolutionären Grundes für die Fähigkeit der meisten Menschen Mitglieder anderer Gruppen schlagartig zu dehumanisieren nennt: Wenn die Mitglieder eines anderen Stammes über den Hügel kommen, ihre Keulen auspacken und vorhaben, Ihre Vorräte mitzunehmen, dann ist es vielleicht keine gute Idee, es mit gutem Zureden und Deeskalation mit Worten zu versuchen. Jedenfalls kann man sich vorstellen, dass es in solchen Situationen für die Überlebensfähigkeit oft vorteilhaft war, die anrückenden Plünderer zu Dehumanisieren und zu bekämpfen.

In seinem Vortrag zeigt Homer-Dixon auch ein Bild von einer Massenerschießung die am 14. Oktober 1942 in der Nähe des Mizocz Gettos stadtfand. Er meint dazu, dass das Personal der Einheiten, die diese Massenmorde durchgeführt haben,  sicherlich speziell ausgesucht gewesen sei, aber dass man leider durch nachfolgende Untersuchungen und Experimente, wie das Milgram-Experiment und das Stanford-Prison-Experiment festgestellt habe, dass zwar nicht alle, aber doch die meisten Menschen zu solchen Taten fähig sind, wenn die Umstände dies zu erfordern scheinen. Nach dem Milgram-Experiment haben, wie in dem verlinkten kurzen Film erwähnt wird, 65 %, also rund zwei Drittel der Versuchspersonen, dem Opfer einen im Ernstfall tödlichen Stromstoß versetzt, während man ursprünglich nur damit gerechnet hatte, dass nur 2-3 % psychisch Kranke so etwas tun würden.

Wir wissen also, dass selbst die angeblich “guten”, “anständigen”, der “Demokraten” der “Linken” und auch der “Christen”  im heutigen Deutschland, ebenso wie ein großer Teil der “Flüchtlinge” und “Einwanderer” trotz  fetter Friedenszeiten, trotz halbwegs funktionierender Demokratie und trotz halbwegs funktionierendem Sozialstaat ziemlich schamlos Angehörige anderer Gruppen dehumanisiert. Und wir wissen auch, dass rund zwei Drittel der Bevölkerung als Handlanger für Verbrechen zu haben ist, wenn die Leute den Eindruck bekommen,  dass die Umstände es zu erfordern.

Vor diesem Hintergrund kann es hilfreich sein, der Frage nachzugehen, wie und wann es zu katastrophaler Dehumanisierung und dem Entstehen entsprechender Umstände kommen kann.

Empathie als Werkzeug des Bösen

Wie Prof. Homer-Dixon in seinem Vortrag und Artikel erläutert, beeinträchtigt eine Dehumanisierung NICHT die Fähigkeit zur Empathie. Die Fähigkeit zur Empathie, also die Fähigkeit sich in die Lage der anderen zu versetzen und deren Gefühle nachzuvollziehen wird nach der Dehumanisierung vielmehr oft genutzt, um die dehumanisierten Gegner besser und grausamer zu bekämpfen und zu vernichten.

Die Homer-Dixonsche Wir-Gerechtigkeits-Einschränkungs-Fläche

Homer-Dixon meint, dass für das Verständnis von Konflikten und Dehumanisierung insbesondere drei Variablen beachtet werden müssen, nämlich

  • Identität, im Sinne der Wahrnehmung des “Wir”. Die Extreme dieser Variablen sind “inklusiv / tolerant”, im dem Sinne, dass alle Menschen, ohne Rücksicht auf Rasse, Hautfarbe, Religion, Ethnie, Geschlecht, usw. als zur eigenen Gruppe gehörend betrachtet und akzeptiert werden. Der andere Extremwert ist “exklusiv / ausschließend”. Die Grenze derjenigen, die zur eigenen Gruppe gehören,  ist hierbei sehr eng gezogen.
  • Strukturelle Einschränkung, Wahrnehmung der Einschränkung der Möglichkeiten (“agency” habe ich hier als “Möglichkeiten übersetzt). Die Extremwerte sind hier, wenn ich Homer-Dixon richtig verstanden habe,  in Grunde ein maximal totalitärer orwellscher Polizei- und Überwachungsstaat einerseits und völlige Anarchie andererseits.
  • Gerechtigkeit, Wahrnehmung ethisch auffälliger Situationen und Aktionen. Die Extremwerte sind hier “ungerecht” und “gerecht”

Wenn man die Variablen stark vereinfachend in einem dreidimensionalen Würfel wie in der folgenden Zeichnung zuordnet, erhält man eine Fläche. Die dicken schwarzen, mit 1 bis 4 gekennzeichneten  Striche verlaufen dabei entlang der Außenseiten des Würfels.  Die graue, spitz zulaufende Fläche kann man sich als den Schatten vorstellen, den ein aus großer Entfernung senkrecht von oben auf die Fläche fallendes Licht werfen würde.

Erläuterung der 4 äußeren Grenzlinien:

Linie 1:  In einer extrem  totalitären und kontrollierten Gesellschaft, in der die Menschen so gut wie keinen Spielraum für eigenes, selbstbestimmtes Handeln haben, ist die Toleranz gegenüber anderen, bzw. die Wahrnehmung der zur Gruppe des “wir” gehörenden ziemlich groß – sofern die Regierung bzw. der Diktator es wünschen. Insbesondere verändert sich die Toleranz nicht mit der Wahrnehmung der Gerechtigkeit des Systems.  Ein Beispiel Homer-Dixons: Eine Krebserkrankung kann als extrem ungerecht empfunden werden, aber man wird die Schuld nicht auf eine andere Menschengruppe schieben und diese Dehumanisieren (( Tatsächlich ist dieses Beispiel mit der Krebserkrankung keinesfalls so klar und eindeutig. Man kann sich z.B. vorstellen, dass die Krebserkrankung je nach Gesellschaft auf Hexerei oder auf Umweltverschmutzung oder ähnliches geschoben werden kann und dass dafür dann sehr wohl einzelne Personen oder ganze Gruppen von Menschen dehumanisiert und verfolgt werden können. In solchen Fällen würde Linie 1 von links nach rechts abfallen. ))

Linie 2: In einem absolut gerechten System führt eine Vergrößerung der individuellen Freiheiten und Möglichkeiten sogar zu einer Steigerung der Toleranz und der Größe der als zum “wir” gehörigen Gruppe. Der Grund ist, dass die Wertschätzung der anderen steigt, wenn bemerkt wird, dass diese von ihren Möglichkeiten einem selbst und der engsten Gruppe der mam angehört zu schaden, keinen Gebrauch machen, sondern im Gegenteil sogar im Sinne einer wirklichen kulturellen Bereicherung handeln. In der Realität dürfte dieses Extrem eher nicht vorkommen.

Linie 3: Hier  fehlt jede strukturelle Einschränkung. Die Menschen sind absolut frei und werden von den Mitmenschen als für ihr Verhalten und ihre Taten voll verantwortlich wahrgenommen. Wenn das Verhalten aller trotzdem als gerecht und korrekt wahrgenommen wird, wird die Toleranz gegenüber den anderen sehr hoch sein. Man wird diese nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrnehmen. Wenn die anderen aber von ihrer Freiheit und ihren Möglichkeiten in einer als schädlich empfundenen Weise Gebrauch machen, wird die Toleranz gegenüber den anderen abnehmen.   Zunächst wird sie nur wenig abnehmen. Aber es kommt dann bald zu einem Punkt, an dem die Toleranz schlagartig sinkt. Die Menschen fallen dann von der “Friedensebene” auf die “Kriegsebene”, Das ist der Punkt, an dem Dehumanisierung stattfindet. Die vom “Wir”-Gefühl erfassten Gruppen werden kleiner. Die mit “Schatten” bezeichnete graue Fläche kann nicht erreicht, sondern nur übersprungen werden. Es gibt hier eine “Hysterese”, d.h. der Weg zurück auf die Friedensebene zu mehr Toleranz erfordert sehr viel mehr “Gerechtigkeit”, bzw. Wohlverhalten, als  der Weg von der Friedensebene zur Kriegsebene.

Treffpunkt der Linien 3 und 4: Hier erreichen alle drei Variablen ihren niedrigsten Wert.

Linie 4: Diese verläuft maximal von ungerecht, Fehlen jeder strukturellen Einschränkung und maximal andere ausschließend und intolerant, zu maximaler struktureller Einschränkung bei weiterer maximaler Ungerechtigkeit. Der dabei zu beobachtende Anstieg der Toleranz bzw. die Vergrößerung der als “Wir” wahrgenommenen Gruppe erklärt sich damit, dass “die anderen” wegen der abnehmenden Freiheit zunehmend als für ihr Verhalten, ihre Situation und ihre Taten nicht verantwortlich angesehen werden.

Das  Schema von Homer-Dixon ist stark vereinfachend  und es kann die Wirklichkeit in ihrer Komplexität nicht vollständig erklären. Das Modell von Homer-Dixon kann aber einige wichtige Zusammenhänge zeigen. Z.B. zeigt es, warum funktionierende, bzw. im inneren friedliche multikulturelle Gesellschaften in der Regel totalitäre Gesellschaften oder Diktaturen sind und es zeigt, warum das Verschwinden der Diktatur in multikulturellen,  multiethnischen Gesellschaften in der Regel zum Zerfall der öffentlichen Ordnung und zu erbitterten  Bürgerkriegen führt:  Mit dem Untergang der Diktatur, bzw. mit dem Ende des totalitären Systems sinkt nämlich die strukturelle Einschränkung der Einzelnen und der einzelnen Gruppen. Damit werden diese von den anderen zunehmend für ihre Taten und ihre Situation verantwortlich gehalten. Wenn “die anderen” Engel sind und sich sehr vorbildlich verhalten, wird das dann sogar zu einer Zunahme der als “Wir” wahrgenommenen Gruppe führen. Aber wehe es kommt zu tatsächlichen oder scheinbaren Ungerechtigkeiten, mit denen auf Grund der menschlichen Natur, auf Grund kulturelle Unterschiede und vor allem bei zunehmendem Ressourcenmangel zu rechnen ist.  Dann stürzt die Gesellschaft von der Friedens- auf die Kriegsebene und die Auswahl der als zum “Wir” gehörenden Menschen schrumpft schlagartig.

Das Extrem dieser Schrumpfung  der zum “Wir” gehörenden Gruppengröße beschreibt Collin Turnbull in seinem Buch The Mountain People bzw. in dessen deutscher Übersetzung Das Volk ohne Liebe. Der soziale Untergang der Ik. Die Ik sind ein Bergvolk im nördlichen Uganda, an der Grenze zum Sudan un zu Kenia, die ihre ursprüngliches Jagdgebiet wegen der Ausweisung eines Nationalparkes verloren haben und die dann, in der Zeit als Turnbull sie beobachtete, Opfer einer Hungersnot waren. In diesem Stadium wurden die Menschen zu maximalen Egoisten. Die einzige Freude war die Schadenfreude. Kinder wurden von den Eltern schon mit drei Jahren sich selbst überlassen, alte Menschen lässt man einfach sterben, und es kann durchaus sein, dass eine Mutter sich  freut wenn ihr Kind von einem Raubtier gefressen wird, weil das Raubtier dann erst mal satt ist und weil ein Esser weniger da ist.

Hier zu passen auch die Essays Witchcraft (dt. Hexerei) und War (dt. Krieg) des amerikanischen Soziologieprofessors William Graham Sumner, die man u.a. auf meiner Webseite unter Sumner – “War and other Essays” findet, bzw. herunterladen kann. Die Hexenverfolgung war eines der schrecklichsten Beispiele für “Dehumanisierung”.

Sumner hat die Literatur zum Thema Hexenverfolgung ziemlich gut untersucht und meint, dass man rund die Hälfte der Hexenprozesse einfacher Geldgier und den Rest naiver Leichtgläubigkeit zuschreiben kann. Entsprechend ist auch Sumners Schlußfolgerung: Er meinte 1909, als er “Witchcraft” geschrieben hat, dass das Phänomen der Hexenverfolgung keinesfalls Vergangenheit sei. Man müsse im (damals beginnenden) 20. Jahrhundert insbesondere damit rechnen, dass von Seiten der Sozialisten neue “Hexenverfolgungen” initiiert würden. Tatsächlich haben die Kommunisten in der UdSSR und auch die Nazis in Deutschland durchaus so etwas wie “Hexenverfolgungen” betrieben.

Mit “witcraft africa death” findet man per google Hinweise dafür, dass es in Afrika auch heute noch einen für europäische Begriffe mittelalterlichen Hexenglauben und Hexenverfolgungen gibt.

Hier meine Übersetzung der letzten Sätze von Sumners Essay “Witchcraft”:

Anarchisten, die fanatisch genug sind, Bomben in Theater und Restaurants zu werfen und Könige und Präsidenten zu ermorden, nur weil sie solche sind, sind fähig alles zu tun, was die Richter der Hexen und die Inquisitoren getan haben, wenn sie denken, dass der Erfolg der Partei es erfordert. Wenn wieder schlechte Zeiten über die zivilisierte Welt kommen sollten, durch Überbevölkerung oder durch unvorteilhafte wirtschaftliche Entwicklungen, dann wird die Bildung der Bevölkerung sinken und die Klassentrennung  wird größer werden. Es ist zu erwarten, dass der alte Dämonismus sich dann wieder Bahn bricht und wieder das alte Phänomen reproduziert.

In seinem Essay War, also über den Krieg, beschreibt Sumner,  die Organisation der Menschen in Friedens- bzw. Binnengruppen, in denen die Menschen sich sozial verhalten und gegenseitig helfen, und in zu diesen komplementären Außengruppen, mit denen sie konkurrieren und kämpfen. Der Mensch ist sozial und unterstützt seine Binnen- oder Friedensgruppe im Grunde nur, wenn, weil und soweit dies ein Vorteil im Kampf und Wettbewerb mit den feindlichen Außengruppen ist.  Die Größe dieser Friedens- oder Binnengruppen ist variabel. Sie reicht von der Größe einer Familie über Dorfgemeinschaften und Stämme bis zu Nationalstaaten oder auch zu Staatenbünden wie der UdSSR und der EU. Je größer eine Gruppe, je größer ist aber auch der Aufwand für deren Organisation und Aufrechterhaltung. Dieser Aufwand muss sich rechnen. Wenn er sich nicht mehr rechnet, oder wenn die Ressourcen zu knapp werden, um die Organisation einer solche großen Gruppe aufrecht zu erhalten, dann zerfällt sie. Damit schrumpft aber auch die Größe der als “Wir” wahrgenommen Gruppe.

An dieser Stelle möchte ich auch auf Sumners Essay Earthhunger  and the Philosophy of Landgrabbing hinweisen, das ich großenteils in meinem Blogbeitrag Landhunger übersetzt habe.

Dehumanisierung durch Wissen

Der Soziologe und Ökologe William Catton erläutert in seinem Buch Bottleneck : Humanity’s Impending Impasse (dt. Flaschenhals: Die kommende Unpassierbarkeit auf dem Weg der Menschheit) das Phänomen der Dehumanisierung anders. Catton bezieht sich dabei auf den französischen Soziologen Émile Durkheim und erklärt, dass und wie die berufliches Spezialisierung zur Dehumanisierung führt.  Angehörige hochspeziallisierter Berufe  bilden daher jeweils eigene Spezies oder Gruppen, die sich durch ihre Fachsprache, ihr speziallisiertes Wissen und ihre  Organisation vom Rest der Gesellschaft unterscheiden. Eine negative Folge dieser Dehumanisierung durch Wissen ist eine damit mögliche, skrupellose  Ausnutzung des Wissensunterschiedes etwa  zur Erzielung wirtschaftlicher Vorteile. Wenn Banker, Ärzte, Zahnärzte usw. als “Abzocker” auffallen, dann hat man es mit dieser Dehumanisierung durch Wissen zu tun. Auch hier versucht man durch immer mehr Vorschriften und Kontrollen, die im Homer-Dixonschen Würfel als “Strukturelle Einschränkungen” dargestellt sind,   der Dehumanisierung entgegen zu wirken.

Es gibt schließlich noch das Argument, dass eine Dehumanisierung durch Wissen zum Selbstschutz der Psyche der Spezialisten, z.B. in bestimmten Bereichen des Gesundheitswesens und der Pflegedienstleister notwendig sein kann. Man kann das aber auch verallgemeinern und sagen, dass Dehumanisierung immer zum Schutz der eigenen Psyche der Dehumanisierenden nützlich sein kann.

Neben dem Schutz der Psyche der Dehumansierenden dient das Phänomen der Dehumanisierung in der Regel zur Verbesserung der Überlebenschancen und auch zur Realisierung materieller und wirtschaftlicher Vorteile der eigenen Gruppe oder Person.

Insgesamt ist die Beschäftigung mit dem Thema der Dehumansierung und ihren möglichen Folgen und Ursachen ein Blick in die Abgründe auf die unserer Gesellschaft sich zu bewegt.

Kelberg den 20. April 2017

Christoph Becker

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