Drei Wachstumsgrenzen

Wirtschaftswachstum kann in bestimmten Fällen mehr schaden als es nützen.  Wirtschaftswachstum kann auch ärmer und unglücklicher machen. Das Anstreben von Wirtschaftswachtum – und eine Politik die dazu führen soll – kann auch dumm und sogar existenzbedrohend sein. 

Im Folgenden haben ich den hier, auf steadystate.org,  am  erschienen Artikel von Prof. Herman Daly ins Deutsche übersetzt. Die Ausführungen von Prof. Daly erscheinen mir in vieler Hinsicht sehr aktuell und nachdenkenswert.

Drei Grenzen des Wachstums

von Herman Daly

DalyHerman

Während die Produktion (reales Bruttosozialprodukt) wächst, sinkt deren Grenznutzen, weil wir unserer wichtigsten Bedürfnisse zuerst befriedigen. Entsprechend steigt der durch das Wachstum bedingte Grenz-Nicht-Nutzen, weil wir unsere unbedeutensten Umweltdienste – soweit wir sie kennen – zuerst opfern wenn die Wirtschaft in die Ökosphäre expandiert. Dieses Steigen der Kosten und Sinken des Vorteils des Wachstumgs sind in dem untenstehenden Diagramm bildlich dagestellt.

3-Grenzen-Graphik

 

Aus dem Diagramm können wir drei Konzepte für Wachstumsgrenzen erkennen.

1. Die „Sinnlosigkeitsgrenze“ wird erreicht wenn der Grenznutzen der Produktion Null erreicht. Selbst wenn die Produktion nichts kostet gibt es eine Grenze dafür, wieviel wir konsumieren und zugleich noch genießen können. Es gibt eine Grenze dafür, wieviele Güter wir in einer gegebenen Zeitperiode genießen können, ebenso wie es eine Grenze des Fassungsvermögens unseres Magens und eine Verarbeitungsgrenze für unser Nervensystem gibt. In einer Welt mit beträchtlicher Armut, und in der die Armen die Reichen dabei beobachten, das diese ihren zusätzlichen Wohlstand noch genießen, denkt man, dass diese Sinnlosigkeitsgrenze weit entfernt ist, und zwar nicht nur für die Armen, sondern für jedermann. Mit ihrem „Unersättlichkeits“-Postulat verneint die klassische Wirtschaftswissenschaft formal das Konzept einer Sinnlosigkeitsgrenze. Wie auch immer, Studien zeigen, dass jenseits eines Schwellenwertes die selbst-bewertete Glücklichkeit (totale Nützlichkeit) aufhört, weiter mit dem Bruttosozialprodukt zu wachsen, was die Relevanz einer Sinnlosigkeitsgrenze bestärkt.

2. Die „ökologische Katastrophen Grenze“ wird durch einen scharfen Anstieg der Kurve für die Grenzkosten, in Richtung Vertikale, dargestellt. Menschliche Aktivitäten, oder neuartige Kombinationen von Aktivitäten, können eine Kettenreaktion auslösen, oder einen Kipppunkt, und unsere ökologische Nische kollabieren lassen. Der führende Kandidat für eine Katastrophengrenze ist derzeit ein davonlaufender Klimanwandel, der durch Treibhausgase verursacht wird, die durch das Streben nach Wirtschaftswachstum freigesetzt werden. Wo dies auf der horizontalen Achse passiert, mag unsicher sein. Ich sollte anmerken, dass die Annahme eines kontinuierlichen und sanften Anstiegs der Grenzkostenkurve (Nicht-Nützlichkeit) ziemlich optimistisch ist. Angesichts unseres begrenzten Verständnisses der Funktion des Ökosystems können wir nicht sicher sein, ob wir unsere wachstumsbedingten Opfer ökologischer Dienstleistungen wirklich in der Reihenfolge von der unwichtigsten zur wichtigsten Dienstleistung machen. Im Streben nach Wachstum kann es sein, dass wir ignoranterweise einen vitalen Dienst des Ökosystems vor einem unwichtigen opfern. Daher könnte die Grenzkostenkurve in der Realität nicht kontinuierlich im Zigzack hoch und runter gehen, was es schwieriger machen könnte, die Katastrophengrenze von der dritten und wichtigsten Grenze, nämlich der wirtschaftlichen Grenze zu trennen.

3. Die „wirtschaftliche oder ökonomische Grenze“ ist dadurch definiert, dass dort Grenzkosten den Grenznutzen erreichen, und dass dort damit das Maximum des Netto-Nutzens erreicht wird. Die gute Sache an der wirtschaftlichen Grenze ist, dass sie die erste Grenze ist, die erreicht wird. Sie wird sicher vor der Sinnlosigkeitsgrenze erreicht und wahrscheinlich vor der Katastrophengrenze, obwohl letzteres, wie soeben angemerkt, unsicher ist. Im schlimmsten Fall fällt die Katastropengrenzen mit der Wirtschaftlichkeitsgrenze zusammen und bestimmt diese diskontinuierlich. Daher ist es sehr wichtig, die Risiken von Katastrophen zu schätzen und diese als Kosten in der Nicht-Nützlichkeits-Kurve einzurechnen, soweit dies möglich ist.

Aus der Graphik ist es ersichtlich, dass wachsende Produktion und Verbrauch nur bis zur Wirtschaftlichkeitsgrenze korrekt als Wirtschaftswachstum bezeichnet werden können. Jenseits davon wird es unwirtschaftliches Wachstum, weil die Kosten stärker steigen als der Nutzen, was uns ärmer und nicht reicher macht. Unglücklicherweise scheint es, dass wir dieses Wachstum perverserweise weiter Wirtschaftswachstum nennen! In der Tat werden sie den Begriff „unwirtschaftliches Wachstum“ in keinem Lehrbuch für Makroökonomie finden. Jedes Wachstum des realen Bruttosozialprodukte wird „Wirtschaftswachstum“ genant, selbst wenn dadurch die Kosten schneller steigenals der Nutzen.

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Die Makroökonomie ist nicht das Ganze, sondern eher ein Teil des endlichen Ganzen. Foto von : Beth Scupham

 

Wirtschaftswissenschaftler werden anmerken, dass die gerade angewendete Logik in der Mikroökonomie üblich ist – Grenzkosten gleich Grenznutzen definiert die optimale Größe einer Mikroökonomischen Einheit, egal ob dies eine Firma oder ein Haushalt ist. Diese Logik wird gewöhnlich jedoch nicht in der Makroökonomie angewendet, weil letztere, warum auch immer, als das Ganze und eher nicht als ein Teil eines Ganzen angesehen wird. Wenn ein Teil in das endliche Ganze expandiert, dann drängt es anderen Teilen Gelegenheitskosten auf, die für es Platz machen müssen. Wenn das Ganze selbst expandiert, geht man davon aus, dass es keine Gelegenheitskosten aufdrängt, weil es nichts verdrängt, weil man annimmt, dass es in die Leere expandiert. Aber die Makroökonomie ist nicht das Ganze. Sie ist auch ein Teil der größeren natürlichen Wirtschaft, der Ökosphäre, und ihr Wachstum drückt dem endlichen Ganzen Gelegenheitskosten auf, die man berücksichtigen muß. Das Ignorieren dieser Tatsache bringt viele Wirtschaftswissenschaftler dazu zu glauben, dass das Wachstum des Bruttosozialproduktes niemals unwirtschaftlich sein kann.

Standardwirtsschaftswissenschaflter könnten das Diagram als ein statisches Bild akzeptieren, aber argumentieren, dass in einer dynamischen Welt die Technologie die Grenznutzenkurve nach oben verschiebt und die Grenzkostenkostenkurve nach unten, was den Schnittpunkt der Linien (wirtschaftliche Grenze) immer weiter nach rechts verschiebt, so dass kontinuierliches Wachstum wünschenswert und möglich bleibt. Wie auch immer, die makroökonomischen Kurvenverschieber müssen drei Dinge bedenken. Erstens, die physikalisch wachsende Makroökonomie bleibt dennoch durch ihre Verdrängung der endlichen Ökosphäre begrenzt, und durch die entrophische Natur der Aufrechterhaltung ihres Durchsatzes. Zweitens, das Timing neuer Technologien ist ungewiss. Die erwartete Technologie könnte nicht rechtzeitig vor dem Überschreiten der wirtschaftlichen Grenzen erfunden oder eingeführt werden. Können wir unwirtschaftliches Wachstum aushalten, während wir warten und hoffen, dass die Kurven sich verschieben? Drittens, lassen Sie uns und daran erinnern, dass die Kurven sich auch in die falsche Richtung verschieben, und die wirtschaftliche Grenze zurück nach links bewegen können. Hat der technische Fortschritt von Tetraethylblei and Chlorofluorkohlenstoffen die Kostenkurve nach unten oder nach oben verschoben? Was ist mit der Atomenergie? Das Übernehmen einer Gleichgewichtsökonomie erlaubt es uns zu vermeiden, dass wir über die wirtschaftliche Grenze geschoben werden. Wir können uns Zeit nehmen, neue Technologien zu evaluieren, anstatt sie blind Wachstum anschieben zu lassen, das sich als unwirtschaftlich erweisen kann. Das Gleichgewicht sichert uns etwas gegen die Risiken ökologischer Katastrophen ab, während diese mit Wachstumsbesessenheit und technologischer Ungeduld zunehmen.

Anmerkungen des Übersetzers:

In meinem Bereich, der Zahnmedizin gibt es eine ganze Reihe von Entwicklungen, Vorschriften und Umständen, die zwar das Wirtschaftswachstum fördern, und die viel kosten, aber die  der Bevölkerung und den Patienten nichts oder fast nichts nützen, oder die sogar mehr schaden als sie nützen, oder die sogar fast nur schaden und kaum etwas oder sogar garnichts nutzen. Alleine in meinem kleinen Bereich der Zahnmedizin könnte ich mir jedenfalls verschiedene Beiträge zu einem negativen Wirtschaftswachstum, also zu einer Schrumpfung der Wirtschaft vorstellen, die zugleich die Lebensqualität der Bevölkerung steigern könnten.

Als Bürger und Konsument sehe ich weitere Möglichkeiten. Das heißt, wir könnten sehr wohl unsere Wirtschaft schrumpfen lassen ohne wirklich an Lebensqualität zu verlieren, oder wir könnten durch das Schrumpfen der Wirtschaft sogar mehr Lebensqualität gewinnen, zumindest teilweise und wenn wir intelligent vorgehen.

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