Wiederholung ist die Mutter des Lernens

Lesedauer 4 Minuten

Übersetzung des am 17.09.2021 vom belgischen Virologen Dr. Geert Vanden Bossche auf dessen Internetseite veröffentlichten Artikels Repetitio est mater studiorum (Wiederholung ist die Mutter des Lernens).

Der Titel bezieht sich offenbar darauf, dass Dr. Vanden Bossche in diesem Artikel noch einmal mit etwas anderen Worten und vielleicht auch verständlicher wiederholt, was er seit März 2021 in verschiedenen Artikeln, Vorträgen und Interviews erklärt hat.

Repetitio est mater studiorum

Lassen Sie mich versuchen, das Problem der Massenimpfkampagnen noch auf eine andere Weise zu erklären.

Erstens: Fragen Sie sich (oder andere!) nie, wer mehr Viren verbreitet, die “gesunden” Geimpften oder die “gesunden” Ungeimpften, denn die Viruslast, der Sie ausgesetzt sind, sollte Ihnen egal sein, solange sie von einer gesunden Person stammt. Was aus Sicht der persönlichen Gesundheit derzeit wichtig ist, ist die Frage: “Wie anfällig sind Sie für eine Erkrankung durch eine infektiösere Variante? Das hat mehr mit Ihrem Immunstatus zu tun:

Wenn Sie also geimpft sind, sind Sie umso besser gegen die C-19-Krankheit geschützt, die durch die derzeit zirkulierenden, infektiöseren Varianten, insbesondere die Delta-Variante, verursacht wird, je höher Ihr Titer an Anti-S(pike)-Antikörpern ist (2 Impfungen schützen also besser als eine).

Wenn Sie eine natürlich erworbene Immunität haben, brauchen Sie sich um Ihren Antikörpertiter gar nicht erst zu kümmern. Sie können leichte Symptome bekommen, wenn Sie sich zufällig infizieren, während Ihr Antikörpertiter niedrig ist, aber sobald Ihr Immungedächtnis den Weckruf erhält, wird es Sie mit sehr starken Antikörpern versorgen, die alle Varianten – selbst in relativ niedriger Konzentration – effektiver bekämpfen können als durch Impf-Anti-S-Antikörper.

Was ist nun, wenn Sie überhaupt nicht geimpft sind und auch keine natürlich erworbenen Antikörper haben (mit anderen Worten, Sie haben sich vorher nicht mit der C-19-Krankheit angesteckt)? In diesem Fall gilt: Je niedriger Ihr Anti-S-Antikörpertiter, desto besser! Sie können in der Tat anti-S-spezifische Antikörper haben, die kurzlebig sind und von einer früheren, asymptomatischen Infektion herrühren. Diese haben zwar eine geringe Affinität für das Sars-CoV-2-Spike (S)-Protein (da eine asymptomatische Infektion nicht ausreicht, um die Antikörper produzierenden B-Zellen richtig zu stimulieren), sind aber in der Lage, variantenunspezifische angeborene Antikörper zu unterdrücken, die eine noch geringere Affinität für das Spike (S)-Protein haben (deshalb können sie von anti-S-spezifischen Antikörpern verdrängt werden) und normalerweise durch multivalente Wechselwirkungen an Coronaviruspartikel binden.

Aber wie sieht es mit den Auswirkungen der Impfstoffe auf die öffentliche Gesundheit aus? Wir sprechen jetzt also von Massenimpfungen. Zunächst ist zu bedenken, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich geimpfte und ungeimpfte Personen mit der Delta-Variante infizieren, inzwischen etwa gleich hoch ist. Eine Infektion mit infektiöseren Varianten bei Geimpften kann jedoch aus Sicht der öffentlichen Gesundheit problematisch sein, wenn sie vor dem Hintergrund einer hohen Durchimpfungsrate (aufgrund von Massenimpfungen!) auftritt. Dies liegt daran, dass hohe Durchimpfungsraten i) die Ausbreitung weiterer infektiöser Varianten begünstigen, was eine indirekte Bedrohung für die Ungeimpften darstellt, und ii) schließlich zu einer wachsenden Resistenz gegen S-spezifische Antikörper führen. Im Gegensatz dazu besteht bei Ungeimpften kein derartiges Risiko für die öffentliche Gesundheit im Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion. Letztere sind jedoch einem persönlichen Gesundheitsrisiko ausgesetzt, wenn sie sich kurz nach einer früheren Exposition gegenüber Sars-CoV-2 erneut infizieren (was wahrscheinlicher ist, wenn hochinfektiöse Varianten wie die Delta-Variante im Umlauf sind). Eine Erkrankung, die durch eine schnelle Reexposition einer ungeimpften Person mit einer hochinfektiösen Variante verursacht wird, verläuft bei jungen und gesunden Personen (z. B. gesunden Kindern) in der Regel milder als bei älteren Menschen. Die Genesung von einer Krankheit führt immer zu einer lebenslangen Immunität und trägt somit zur Herdenimmunität bei.

Schlussfolgerung:

Die Debatte darüber, wer mehr und wer weniger Viren verbreitet, ist wissenschaftlich irrelevant, solange es sich um gesunde Menschen handelt. Wenn Sie sich in der Vergangenheit nicht angesteckt haben und nicht geimpft wurden, haben Sie jetzt ein relativ hohes Risiko, sich anzustecken (denn die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich kurz nach Ihrer früheren Infektion erneut anstecken, ist relativ hoch, einfach weil die Dominanz der hochinfektiösen Delta-Variante dies wahrscheinlicher macht). Ihre Infektion hat keine nachteiligen Folgen für die öffentliche Gesundheit, da Ihr Immunsystem keinen selektiven Immundruck auf das Spike-Protein ausübt, unabhängig davon, ob Sie die Krankheit bekommen oder nicht.

Wenn Sie sich in der Vergangenheit nicht mit Covid-19 angesteckt haben und vollständig geimpft wurden, sind Sie (vorerst) vor einer (schweren) Erkrankung geschützt. Wenn Ihre Impfung jedoch im Rahmen einer Massenimpfkampagne erfolgt, üben Sie zusammen mit allen anderen Geimpften einen suboptimalen immunologischen Selektionsdruck auf die virale Infektiosität aus. Dies wird die weitere Ausbreitung zirkulierender, infektiöserer Varianten beschleunigen und schließlich zu einer dominanten Zirkulation einer Immunfluchtvariante führen, die sowohl hochinfektiös als auch S-Antikörper-resistent ist. Auch wenn Sie sich um Ihre persönliche Gesundheit gekümmert haben, wird sich die Tatsache, dass Sie Teil einer “universellen” Impfaktion sind, insofern nachteilig auf die öffentliche Gesundheit auswirken, als sie zunächst die Ungeimpften, letztlich aber auch alle Geimpften bedroht (wie unter i) und ii) oben erläutert). Deshalb warne ich auch immer vor Momentaufnahmen und kurzfristigen Perspektiven. Genau diese Einstellung ist es, die unsere Gesundheitsbehörden und Politiker jetzt dazu veranlasst, Massenimpfkampagnen für Jugendliche und Kinder rasch auszuweiten. Wenn man pandemie- und gesundheitspolitisch “klug” denkt, sollten wir natürlich alles tun, um die Züchtung hochinfektiöser Varianten nicht weiter zu fördern, damit sie nicht gegen S-spezifische Antikörper resistent werden (eine Entwicklung, die bereits im Gange ist!). Das bedeutet, dass die Ausweitung der Massenimpfungen auf unsere Kinder niemandem hilft. Wir müssen sie so gut wie möglich durch andere Maßnahmen als die Impfung mit einem der aktuellen C-19-Impfstoffe schützen (siehe frühere Beiträge von mir). Sie haben die besten Chancen, dem hohen Infektionsdruck der Delta-Variante zu widerstehen. Wenn sie asymptomatisch infiziert sind, sind sie der Schlüssel zur Verringerung der Infektionsrate durch infektiösere Varianten, während ihre Genesung nach einer symptomatischen Infektion der Schlüssel zum Aufbau der Herdenimmunität ist!

Ich hoffe, dass die Menschen allmählich begreifen, dass kein einziger gesunder Mensch eine größere Ansteckungsgefahr darstellt  als ein anderer und dass es keinerlei wissenschaftliche Begründung dafür gibt, dass ein Mensch, ob geimpft oder nicht, den Kontakt zu einer gesunden geimpften oder ungeimpften Person ablehnt. DAS eine und einzig große Problem ist der Umfang dieser Impfkampagne. Keiner der derzeitigen Covid-19-Impfstoffe kann der Herausforderung gerecht werden, eine Pandemie eines hochgradig veränderlichen Virus zu bekämpfen, ganz zu schweigen von den Varianten, die bereits überwiegend im Umlauf sind. Wenn Impfstoffe funktionieren, aber nicht perfekt sind, und man sie in der Hitze einer heftigen (Delta!) Pandemie massiv einsetzt, dann steckt man wirklich in Schwierigkeiten.

Ende der Übersetzung.

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