Können wir wirklich unsere Böden regenerieren?

by Christoph Becker | 12. Juni 2017 22:14

Im Januar 2017 erschien in der Zeitschrift Graze der im Folgenden ins Deutsche übersetzte  Artikel des amerikanischen Farmers Gabe Brown, mit dem Titel Can we really regenerate our soils? (dt.: Können wir wirklich unsere Böden regenerieren?) und dem Untertitel This grazing and cover crop system is producing some impressive numbers (dt.: Dieses Weide- und Zwischenfruchtsystem produziert einige eindrucksvolle Zahlen).Link auf den Originalartikel: www.grazeonline.com/canweregeneratesoils[1]

*********   Beginn der Übersetzung   *********

Telefongespräche, E-Mails und selbst einige altmodische Briefe – alle sagen dasselbe. Wenn ich auf der Reise bin und Präsentationen bei Konferenzen und Workshops durchführe, dann kommt immer wieder diese Behauptung vor.

[2]Wenn ich nur einen Dollar für die Anzahl der Gelegenheiten hätte, bei denen mir die Menschen gesagt haben, „Gabe, du verstehst einfach nicht dass unsere Böden nicht so sind wie deine.“ Ich habe gelernt geduldig zuzuhören (o. k. manchmal nicht so geduldig) während mir die Leute all die Gründe erzählen, warum meine Böden produktiv sind und ihre nicht.

Wenn Sie fertig sind, dann frage ich sie welche Vorstellungen sie davon haben, wie ihr Land, aussah bevor die Europäer es besiedelten. Nun daraufhin begengnet mir gewöhnlich ein verwunderter Blick.

Mein Punkt ist dies: wie kann es sein, dass diese Ländereien einst gesunde, funktionierende Ökosysteme waren? Was änderte sich zwischen damals und jetzt? Könnte es sein, dass wir der Grund dafür sind, dass unser Land nicht mehr so produktiv ist wie es einstmals war? Könnte es sein, dass wir der Grund dafür sind das unsere Böden nicht mehr ordentlich funktionieren?

Wir haben auf unserer Ranch viele Besucher, mehr als 2100 alleine im letzten Sommer. Ich denke die meisten kommen, weil sie ein Wundermittel wünschen. Was wir Ihnen zeigen, ist einfach nur wie sie die Prinzipien der Natur zu ihrem Vorteil nutzen können.

Ich möchte zum Beispiel die Unterschiede zwischen dem Boden auf unserer Ranch und dem benachbarter Betriebe zeigen. Alle haben denselben Bodentyp.

Die folgende Tabelle zeigt die Resultate für vier Betriebe in meiner Nachbarschaft. Der als „Bio“ (engl. „organic“) bezeichnete, ist genau das – ein Biobetrieb mit großer Vielfalt des Erntesystems. Der Betreiber baut Frühjahrsweizen, Gerste, Hafer, Mais, Sonnenblumen, Erbsen, Sojabohnen, trockene essbare Bohnen und Luzerne an. Natürliche, organische Dünger werden verwendet. Auf diesem Ackerland ist keine Tierhaltung integriert.

Betriebsart N kg/ha P kg/ha (ppm) K kg/hg (ppm)  WEOC
Biobetrieb 2 175 (9) 106 (14) 233
keine Bodenbearbeitung, geringe Vielfalt 30 273 (14) 152 (19) 239
keine Bodenbearbeitung, mittlere Vielfalt, viel Synthetik 41 242(12) 223 (28) 262
keine Bodenbearbeitung, große Vielfalt, kein Dünger, keine Synthetik, Viehhaltung integriert 314 1126 (56) 1967 (250) 1095

Anmerkung:Gabe Brown, dessen Ranch in der unteren Zeile gezeigt wird, stellte einen Bodentest aus dem Jahr 2007 für seine Ranch zur Verfügung der folgende Resultate zeigte: N – 11,2 kg/ha. In den oberen 61 cm; P (Olsen Test) – 6 ppm; K – 303 ppm. Gabe sagt das er auf seiner eigenen Ranch seit 2007 keinen Dünger benutzt. Die ppm sind eine Gaze Umrechnung (mit mithilfe von Gene Schriefer, Universität Wisconsin – Ausseninstitut) von den Original lbs. Daten, die im Bodentest aufgelistet werden.

Im „keine Bodenbearbeitung, geringe Diversität“ -Betrieb pflanzt der Betreiber nur Flachs und Frühjahrsweizen in einer Fruchtfolge. Wasserfreies Ammoniak[3] (= Stickstoffdünger) wird verwendet und auf dem Land wird kein Vieh gehalten. Die Ernteerträge liegen über dem Durchschnitt der Gegend.

Die dritte Zeile ist „keine Bodenbearbeitung, mittlere Diversität, viel synthetischer“ Dünger. Diese Farm baut Mais, Gerste, Sonnenblumen, Frühjahrsweizen und Sojabohnen an. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren ohne Bodenbearbeitung. Die Erträge sind hoch, aber es werden große Mengen Kunstdünger verwendet, um diese Erträge zu erzielen. Außerdem werden Fungizide, Pestizide und Zusätze angewendet. Rinder dürfen auf dieser Farm nicht grasen.

Brown’s Ranch ist der vierte der aufgeführten Betriebe. Wir haben seit 1993 keine Bodenbearbeitung durchgeführt. Wir bauen folgende Marktfrüchte an: Mais, Frühjahrsweizen, Gerste, Hafer, Erbsen, Getreideroggen, Winter Triticale und haarige Wicke. Alle Felder haben jährlich eine Zwischenfrucht (engl. cover crop, daher auch als Deckfrucht zu übersetzen) – entweder vor während oder nach der für den Verkauf bestimmten Anbaufrucht.

Wir haben seit 2007 keinen Kunstdünger verwendet und wir verwenden keinen anderen gekauften Dünger, Komposttee oder Bodenzusätze. Wir machen eine kleine Menge Kompost, der für unsere Gärten verwendet wird.

Viehhaltung ist in unser Ackerland voll integriert. Mutter Kuh/Kalb Paare, Stocker (junge Rinder oder Bullenkälber, die man dazu kauft, um die Weide besser zu nutzen), Rinder und Bullen für die Grasmast, Schafe, Schweine, Legehennen und Bienen – alle sind überall auf der Ranch integriert.

Nun betrachte man die Bodentests. Diese Tests wurden von Dr. Rick Haney vom USDA Agricultural Research Service in Temple, Texas, durchgeführt. Die ersten drei Spalten zeigen die Menge Stickstoff, Phosphor und Kalium in Kilogramm pro ha (Anm.: umgerechnet aus lbs / acre, Umrechnungsfaktor = 0,453 * 2,47 = 1,1189).

Die letzte Spalte zeigt den Wasser extrahierbaren organischen Kohlenstoffgehalt (Water Extractable Organic Carbon = WEOC), in Teilen pro Million. WEOC ist das Nahrungsmittel, das die Bodenorganismen essen. Wenn man einen Boden mit hohem WEOC hat, hat er die Fähigkeit, eine große Menge Nährstoffe in Umlauf zu halten.

Man beachte wie, viel mehr Nährstoffe meine Böden im Umlauf haben.

Jahrelang wurde mir gesagt, dass mein System zusammenbrechen würde, weil mir der Phosphor, das Kalium und andere Nährstoffe ausgehen würden. Ich wusste, dass das nicht passieren würde, weil ich wusste wie der Boden funktioniert. Ich regenerierte meine Böden, indem ich mich einfach nach den Prinzipien der Natur richtete.

Ich finde es sehr interessant, dass die Unterschiede zwischen den Resultaten der ersten drei Farmen sehr gering sind. Man sieht, diese Farmen beachten diese Prinzipien nicht. Sie behandeln ihre Farmen nicht als Ökosysteme.

Das wunderbare an diesen Prinzipien ist, dass sie überall in der Welt funktionieren, wo es eine produzierende Landwirtschaft gibt.

Kürzlich kam ich von einer Reise nach Australien zurück, wo ich das Glück hatte, Zeit mit Collin Seis auf seiner Ranch in Neusüdwales zu verbringen. Collin hat die Kunst des „pasture cropping“   perfektioniert – die darin besteht einjährige Pflanzen in mehrjährige Weiden zu säen.

Meiner Meinung nach ist dies das ultimative System. Seine sehr vielfältigen (50-60 Arten), wärmeliebenden, mit  mehrjährigen Pflanzen bewachsenen Weiden (warm season pastures) werden während der Wachstumsperiode mit Schaafen beweidet. Wenn die wärmeliebenden Arten in die Winterruhe gehen, sät Collin bodenbearbeitungslos (mit einer Direktsaatsmaschine) eine Kälte liebende Marktfrucht oder eine Futterfrucht ein. Diese Kälte liebenden einjährigen Pflanzen wachsen und werden entweder abgeweidet oder als Getreide geerntet. Wenn es soweit ist, beginnen die wärmeliebenden, mehrjährigen Pflanzen aus ihrem Winterschlaf zu erwachen und bieten eine lebende Bedeckung.

Collins Böden reagierten in der Weise, dass die verfügbaren Nährstoffniveaus über die letzten 15 Jahre signifikant gestiegen sind. Diese Anstiege werden in der folgenden Tabelle gezeigt.

Kohlenstoff 200 % Silizium 116 %
Wasserspeicherkapzität 200 % + Stickstoff 103 %
Kalzium 234 % Phosphor 102 %
Magnesium 110 % Kalium 198 %
Zink 250 % Schwefel 92 %
Kupfer 185 % Eisen 87 %
Bor 150 %

Collins Resultate, genauso wie die meiner Ranch, sind einfach nur das Resultat der Beachtung der Prinzipien der Natur.

Man betrachte nun die folgenden Fotos. Was man sieht ist Sand. Aber warum sind die oberen 30 % des Bodens so dunkel? Die Antwort ist natürlich: Kohlenstoff![4]Aber wie kommt der Kohlenstoff dahin? Die Antwort darauf ist: durch Pflanzen. Lebende Pflanzen, um genau zu sein.

Pflanzen nehmen Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf. Durch Fotosynthese wird dieses Kohlendioxid in flüssigen Kohlenstoff verwandelt, von dem ein Anteil als Wurzelexsudat in den Boden abgegeben wird. Ein Teil des flüssigen Kohlenstoffs wird in Kohlensäure umgewandelt. Die Kohlensäure löst Felsen auf und macht die darin enthaltenen Elemente verfügbar.

So funktioniert ein gesundes Bodenökosystem. Es ist egal, ob wir über Ackerland oder Weideland sprechen. Die Funktionen sind dieselben.

Collin und ich behandeln unsere Betriebe als die Ökosysteme, die sie sind. Wir streben danach, eine  möglichst große Vielfalt an Pflanzen, Insekten und anderen Tieren zu haben.

Man sieht, der Schlüssel zur Regeneration des Bodens ist Leben! Man lasse Pflanzen wachsen. Wenn man eine Vielfalt an Pflanzen und Tieren hat, kann man seine Ressourcen regenerieren!

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Bis hier die Übersetzung von Grab Browns Artikel Can we really regenerate our soils?[5]  in Graze, im Januar 2017.

Colin Seis ist der Farmer, dem die Hälfte der Wiese mit dem verblüffend verbesserten Mutterboden in Gleicher Boden, verschiedenes Management[6] gehört.

Auf Gabe Brown und seine Farm hatte ich schon im September 2016 in Optimierung im Getreideanbau und Hochwasserschutz durch Integration der Mutterkuhhaltung[7] hingewiesen.

Man beachte hier zu auch die Beispiele von Dr. Allen Williams in Abschlussvortrag der Grass Feed Exchange 2016[8].

Sowie insbesondere mit Blick auf die Nährstoffe auch Nährstoffgehalt der Lebensmittel sinkt seit dem 2. Weltkrieg[9]

Kelberg, den 12. Juni 2017

Christoph Becker

 

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Endnotes:
  1. www.grazeonline.com/canweregeneratesoils: http://www.grazeonline.com/canweregeneratesoils
  2. [Image]: https://www.freizahn.de/wp-content/uploads/2017/06/covercrops3.jpg
  3. Wasserfreies Ammoniak: https://de.wikipedia.org/wiki/Ammoniak
  4. [Image]: https://www.freizahn.de/wp-content/uploads/2017/06/jan17gabesandsoil.jpg
  5. Can we really regenerate our soils?: http://www.grazeonline.com/canweregeneratesoils
  6. Gleicher Boden, verschiedenes Management: https://www.freizahn.de/2017/06/gleicher-boden-verschiedenes-management/
  7. Optimierung im Getreideanbau und Hochwasserschutz durch Integration der Mutterkuhhaltung: https://www.freizahn.de/2016/09/optimierung-im-getreideanbau-und-hochwasserschutz-durch-integration-der-mutterkuhhaltung/
  8. Abschlussvortrag der Grass Feed Exchange 2016: https://www.freizahn.de/2017/06/abschlussvortrag-der-grass-feed-exchange-2016/
  9. Nährstoffgehalt der Lebensmittel sinkt seit dem 2. Weltkrieg: https://www.freizahn.de/2017/06/naehrstoffgehalt-der-lebensmittel-sinkt-seit-dem-2-weltkrieg/

Source URL: https://www.freizahn.de/2017/06/koennen-wir-wirklich-unsere-boeden-regenerieren/