Sichtweisen und Paradigmenwechsel

Für die Verbesserung der politischen Kultur in Deutschland könnte es sinnvoll sein,   die folgenden,  amüsanten Beispiele für  unterschiedliche Sichtweisen zu betrachten bzw. zu lesen.

Junge Frau oder alte Frau?

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Jedes der obigen Bilder zeigt sowohl eine junge als auch eine alte Frau. Wer ein Probleme mit dem Erkennen hat: Die Kinnspitze der jungen Frau ist die Nasenspitze der alten Frau. Das Ohr der jungen Frau ist das linke Auge der alten Frau.

Zur Geschichte der Bilder: Das rechte Bild geht auf den britischen Cartoonisten W.E. Hill zurück und soll 1915 erstmals in einer humoristischen Zeitschrift publiziert worden sein. Hill wurde oft für den Erfinder dieser Illusion gehalten. Das linke Bild, dass für die älteste Version gehalten wird, stammt aber von einer annoymen deutschen Postkarte  aus dem Jahre 1888 und das mittlere Bild ist eine Anzeige der Anchor Buggy Company aus dem Jahre 1890.

Das Kriegsschiff und der Leuchtturm

Wenn man im Internet mit battleship lighthouse oder Kriegsschiff Leuchtturm sucht, dann findet man verschieden Versionen der folgenden Geschichte (hier als Beispiel eine Version von der Webseite des Spiegel:

Ein amerikanisches Schiff ortet ein fremdes Objekt, das seinen Weg versperrt. Der US-Kapitän: “Bitte ändern Sie Ihren Kurs 15 Grad nach Norden, um eine Kollision zu vermeiden.” Antwort: “Ich empfehle, Sie ändern Ihren Kurs 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden.” Amerikaner: “Dies ist der Kapitän eines Schiffs der US-Marine. Ich sage noch einmal: Ändern Sie Ihren Kurs!” Antwort “Nein. Ich sage noch einmal: Sie ändern Ihren Kurs!” Der Amerikaner wird wütend: “Dies ist der Flugzeugträger ‘USS Lincoln’, das zweitgrößte Schiff in der Atlantikflotte der Vereinigten Staaten. Wir werden von drei Zerstörern, drei Kreuzern und mehreren Hilfsschiffen begleitet. Ich verlange, dass Sie Ihren Kurs 15 Grad nach Norden, das ist Eins-Fünf-Grad nach Norden, ändern, oder es werden Gegenmaßnahmen ergriffen, um die Sicherheit dieses Schiffes zu gewährleisten!” Antwort: “Dies ist ein Leuchtturm. Sie sind dran.”

Es gibt sogar einen eigenen deutschen Wikipediaeintrag für diese Geschichte, bei der es insbesondere auch nach Angaben der US-Navy  um einen Witz handelt. Ich sehe die Geschichte von dem Kriegsschiff und den Leuchtturm eher als eine   moderne Sage, die auf amüsante und unverfängliche Weise in der Figur des Kapitäns  die heutige Mentalität vieler Menschen in den westlichen Industrieländern.

Diese moderne Sage vom Kriegsschiff und dem Leuchtturm ist  zudem ebenso wie die Bilder von der jungen und der alten Frau ein Beispiel für unterschiedlichen Sichtweisen, oder auch Paradigmen und  dafür wie genaues Hinsehen oder ein mehr an Informationen über die Realität zu einem Paradigmenwechsel führen können.

In einem der Vorträge die in Joel Salatins Salatin-Semester enthalten sind, das ich zur Zeit nebenbei lerne, wird Salatin aus dem Publikum die Frage gestellt, wie es seiner Meinung kommt, dass seine offensichtlich sehr gewinnbringenden und vorteilhaften Methoden Landwirtschaft zu betreiben selbst in seiner Heimat, im  amerikanischen Bundesstaat  Virginia, so wenige Nachahmer finden. Seine Antwort ist, dass dies mit dem auch dort vorherrschenden Paradigma zu tun habe. Die Menschen sähen nur das was sie glauben.

Eine aktuelles deutsches Beispiel waren die Berichterstattung und die öffentlich demonstrierten Vorurteile unsere politischen Führer und Gutmenschen nach dem Brandanschlag in der Flüchtlingsunterkunft in Bingen, bei dem sich insbesondere die Rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer  gezeigt hat, wie  ähnlich sie diesem  inkompetenten, arrogant-naiven  Kapitän  aus  der Sage von dem Kriegsschiff und dem Leuchtturm ist.

Der Felsen mit dem Leuchtturm,  mit  dem unsere westliche Industriegesellschaft mit voller Fahrt auf Kollisionskurs zusteuert, sind die ökologischen und geologischen Grenzen dieser Welt, kombiniert mit der systembedingt   unaufhaltsam abnehmenden  Produktivität von Forschung und technologischer Entwicklung und der ebenfalls systembedingt unaufhaltsam steigenden Komplexität mit ihren Kosten und ihrer ebenfalls abnehmenden Produktivität.

Siehe dazu insbesondere auch meine Artikel Dem Energiedilemma auf den Grund gegangen ,    Die Grenzen und das Ende des WachstumsEnergie und Geld und Die Grundlagen der Westlichen Werte sowie meine Übersetzungen der Interviews mit Joseph Tainter über den Kollaps komplexer Gesellschaften, und mit William Catton über sein Buch Overshoot: The Ecoloical Basis of Revolutionary Change.

Kelberg, den 11. April 2016

Christoph Becker

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