Warum Religion?

In manchen Foren finden sich zu Artikeln über Religionen immer wieder üble Kommentare naiv-militanter-Atheisten, die der Theologe, Journalist und Autor Chris Hedges zusammenfassend in einer bemerkenswerten Rede über den neuen Atheismus, die Gottesdebatte, Wissenschaft, Religion und Selbsttäuschung  im Jahr 2008, als gefährliche,  “kulturelle, geschichtliche und linguistische Analphabeten und weltliche Spiegelbilder naiver religiöser Fundamentalisten” bezeichnet und in dieselbe Schublade wie die massenmörderischen Jakobiner der französischen Revolution und die großen massenmörderischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts gepackt hat.  Ich möchte hier  nicht nur auf diese Rede hinweisen, sondern vor allem auch  Gründe für die evolutionäre Ursache und für den praktischen Nutzen von Religion anführen und dann am Beispiel von Max Planck und dem 2. Hauptsatz der Wärmelehre zeigen, das Religion und Naturwissenschaft sich nicht ausschließen, sondern lediglich ergänzen.

 Religion bildet Sozialkapital und spart Kosten

Der amerikanische Moralpsychologe Jonathan Haidt erklärt den psychologischen Hintergrund der Religiosität recht gut in seinem Buch  The Righteous Mind: Why Good People are Divided by Politics and Religion  (dt. etwa Der selbstgerechte Geist: Warum gute Menschen über Politik und Religion zerstritten sind)

Als schönes Beispiel für den praktischen Nutzen von Religion führt Haidt  in diesem Buch u.a. die Dominanz der Orthodoxen Juden im Diamanthandel an.   Die Dominanz der orthodoxen Juden im Diamanthandel erklärt er damit, dass diese sich untereinander aufgrund ihrer Religion und Gruppenzugehörigkeit vertrauen können. Das habe die Notwendigkeit teurer Sicherheitsmaßnahmen im Vergleich zu möglichen multikulturellen oder weniger offensichtlich streng religiösen Konkurrenten reduziert, so dass diese orthodoxen Juden gegenüber anderen einen immensen Wettbewerbsvorteil aufgrund ihrer Mischung aus Religion und Ethnie hatten.

Religiösität als evolutionärer Vorteil der Gruppenselektion

Haidt erklärt in seinem Buch, dass der Mensch wie er sagt nur zu 90 % Schimpanse, also Individualist und 10  % Schwarmtier (wie Armeisen oder Bienen) ist. Religion erklärt er, sei ein Teamsport und habe sich in der Evolution als vorteilhaft für die Überlebenschancen von Gruppen erwiesen.  Die Menschen können dadurch, grundsätzlich und damit eben auch  in bestimmten, für das Überleben der Gruppe entscheidenden Momenten über sich hinauswachsen und ihre egoistischen Eigeninteressen dem Gruppeninteresse unterordnen. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass naive Gutmenschen einen engen Zusammenhang zwischen Religion und Krieg erkennen. Wir sind halt alle auch das Ergebnis einer Evolution, in deren Verlauf die  Gruppen, Stämme und Völker, deren Mitglieder für Religion empfänglicher waren, eher zu den Siegern und Überlebenden  von Katastrophen und Kriegen gehört haben.

Haidt erklärt seine Sichtweise über den evolutionären Vorteil der Religion auch in dem folgenden, mit deutschen Untertiteln versehenen TED-Talk:

 

 

Religion und die für die Gesellschaft negativen Folgen beruflicher Spezialisierung

Der amerikanische Soziologe William Catton weist in seinem Buch Bottleneck : Humanity’s Impending Impasse daraufhin, dass die berufliche Spezialisierung in den modernen Industriegesellschaften zwar einerseits zu extremen Leistungssteigerung geführt habe, ohne die die modernen Industriegesellschaften nicht denkbar wären, dass sie anderseits aber auch zu neuen Betrugsmöglichkeiten und zu einer inzwischen alle Gesellschaftsschichten und Berufe erfassenden allgemeinen, dehumanisierenden  “Taschendiebmentalität” geführt habe, was dazu beitrage, die Zukunftschancen und die Überlebensfähigkeit der Gesellschaften zu reduzieren. Es ist diese Taschendiebmentalität, bzw. eben auch das Fehlen einer allgemein akzeptierten Religion und Gläubigkeit, die zu immer mehr Misstrauen, Gesetzen und damit zu immer mehr Komplexität führt, die ihrerseits Kosten verursacht und die Gesellschaft unweigerlich zum Kollaps oder zu einem sehr schmerzhaften Sachrumpfprozess führt. Siehe dazu das von mir übersetzte Interview mit Joseph Tainter und meinen Artikel Dem Engergiedilemma auf den Grund gegangen, über das Buch Drilling Down: The Gulf Oil Debacle and Our Energy Dilemma von Joseph Tainter und Tadeusz (Tad) Patzek.  Catton zeigt ausserdem, dass die berufliche Spezialisierung zu einer Dehumanisierung des Menschen führe und bewirke, dass Mitmenschen immer mehr eben nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als austauschbare  Objekte wahrgenommen werden. Eine weitere logische Folge und Steigerung ist dann, dass Menschen auch sich selbst oder andere als überflüssig wahrnehmen können und dass dies dann zu einer Ursache für Terrorismus und zu Massenmorden, wie denen im 20. Jahrhundert führen kann.

Chris Hedges sieht in seiner eingangs erwähnten Rede  eine klare Entwicklung von Teilen der Aufklärung im späten Mittelalter über die atheistischen Jakobiner und die ebenfalls durchweg atheistischen Massenmörder des 20. Jahrhunderts (Stalin, Mao, Pol Pot. )1  zu den modernen neuen Atheisten.

Eine einheitliche Religion kann bei alledem, zumindest innerhalb einer Gruppe, mit gleicher Religion als Sicherung gegen Betrug und Verbrechen wirken, wie das oben angeführte Beispiel von den Orthodoxen Juden zeigt.  Man muss dabei bedenken, dass Spezialisten, wie z.B. Ärzte und Zahnärzte, Diamanthändler und viele andere nicht, kaum oder wenn dann überhaupt, nur mit immensem Aufwand wirklich sinnvoll kontrollierbar sind. Oft sind Kontrollen nur eine Illusion, vor allem dann, wenn der Durchschnitt einer Berufsgruppe sich entschließen sollte, seine durch die Spezialisierung gegebenen Möglichkeiten zum Vorteil seiner Mitglieder und zu Lasten der Bevölkerung zu nutzen. Religion kann in allen diesen Fällen eine kostengünstige Kontrolle ausüben, deren Reichweite sehr viel größer ist als jede Kontrolle durch Menschen und Gesetze. Schließlich gibt es das Problem des im Menschen lauernden Bösen, das der Schweizer Eugen Sorg in seinem Buch  Die Lust am Bösen: Warum Gewalt nicht heilbar ist beschreibt. Religion kann grundsätzlich, weil sie nicht an das Funktionieren staatlicher Institutionen gebunden ist, den Anteil derjenigen, die sich an Gewalttaten bei einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung beteiligen reduzieren und vielleicht auch hier  Einzelpersonen und Gruppen zum Widerstand gegen Gewalt und Terror motivieren.

 Religion eher nicht Kriegsursache aber sie hilft Kriege zu gewinnen

Wie oben schon erwähnt, haben Religiosität und Religion in Kriegen einen die Kampfkraft steigernden Effekt.  Gute Beispiele sind die Erfolge und der  Glauben der Wikinger und die erstaunlichen, ohne die Religion undenkbaren resultierenden Erfolge der Islamisten etwa in Afghanistan.   Bei auch nur annähernd gleicher Bewaffnung wären die Soldaten der Nato in Afghanistan den Taliban hoffnungslos unterlegen gewesen, weil die Nato-Soldaten viel mehr an ihrem Leben hängen. Selbst mit all ihrer extremen materiellen Übermacht und trotz der langen Dauer des Krieges konnte die Nato keinen wirklichen Sieg erringen. Die Alternativen zu einen unendlichen Abnutzungskrieg waren nur vollständige Vernichtung der Bevölkerung Afghanistans oder Rückzug – oder Bekehrung der Afghanen zu Atheismus und westlichem Hedonismus.

Bei der Suche nach möglichst allgemeinen Ursachen für Kriege sollte man, wenn man an der Wahrheit und echten Problemlösungen interessiert ist, eher Ressourcenmangel und  Überbevölkerung, bzw. einen Überschuss an jungen Männern betrachten. Siehe dazu z.B. das Buch Söhne und Weltmacht: Terror im Aufstieg und Fall der Nationen von Gunnar Heinsohn.  Die folgenden Artikel  auf dieser Webseite könnten ebenfalls das Verständnis vor allem für künftige Kriegsursachen verbessern:

  1. Weltweite  Verschlechterung der Bodenqualität
  2.  Unsichtbare Nutzflächen
  3. Die Grenzen und das Ende des Wachstums
  4. Ökologischen Überschwingen – Interview mit Prof. William Catton
Physik als Grund zur Religiösität?

Es häufen sich Bücher und Artikel von “Wissenschaftlern”,  die behaupten oder glauben machen wollen, dass Religion mit den Naturwissenschaften unvereinbar sei.

Hierzu möchte ich zunächst auf den hier verlinkten, von Max Planck im Mai 1937 im Baltikum gehaltenen Vortrag  Religion und Naturwissenschaft hinweisen. Max Planck dürfte jedem der heutigen religionsfeindlichen “Wissenschaftler” um einiges überlegen gewesen sein. Trotzdem war er ein tief religiöser Mensch und sah in der Wissenschaft eher einen Weg, um den Glauben an Gott zu bestätigen und zu bestärken. Dasselbe scheint für solche Größen wie Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz gegolten zu haben.

Für mich selbst ist der 2. Hauptsatz der Wärmelehre ein hinreichender Beweis dafür, dass das Weltall in letzter Konsequenz eine übernatürliche, göttliche Ursache hat und dass Atheisten einem naiven Aberglauben anhängen.  Das Problem mit dem Weltall und dem Ursprung des Universums ist nämlich, dass es ganz real, für uns jeden Tag sichtbar und fühlbar diesen Ursprung gegeben haben muss, obwohl das, nach allen was wir wissen, insbesondere wegen des 2. Hauptsatzes der Wärmelehre überhaupt hätte passieren können. Die Entstehung des Universums ist der einzige, sicher nachgewiesene Verstoß gegen den 2. Hauptsatz der Wärmelehre. Egal, mit welchen Gedankenknäuel ein Stephen Hawkins und andere es zu verbergen und zu leugnen versuchen, zu irgendeinem Zeitpunkt muss all diese gewaltige Energie, die am Anfang im Keim des Universum gesteckt hat “aus dem Nichts” entstanden sein. Das ist ein unvorstellbar krasser Verstoß gegen den zweiten Hauptsatz der Wärmelehre und setzt zwingend einen übernatürlichen und damit göttlichen Ursprung des Universums voraus. Wenn das nicht so wäre, könnte man Maschinen bauen, die aus dem Nichts hochwertige Energie erzeugen können. Es hat viele Versuche in dieser Richtung gegeben, aber alle sind misslungen. Siehe dazu den Wikipedia-Artikel über das Perpetum-Mobile.

Die Kraft, die aus dem Nichts das Universum geschaffen hat, war jedenfalls übernatürlicher Natur. Es war Gott.  Ob und wieweit dieser Gott sich für diesen vor dem Hintergrund des Weltalls extrem winzigen Planeten Erde interessiert, ist ein anderes Thema.

Noch ein anderes Thema ist, wieweit und in welchen Fällen religiöse Effekte, Erlebnisse und Vorstellungen auf Funktionen des  menschlichen Gehirns beruhen.

In jedem Fall aber sind Religion und Religiosität  Phänomene, die sich in der Evolution bewährt haben und die für den Fortbestand einer Gesellschaft vorteilhaft sind und die man pflegen und sicher nicht verachten sollte.   Dabei ist zu bedenken, dass wir die Nachfahren von Menschen sind, die jede Menge Hungersnöte und Kriege überlebt haben. Religion und Religiosität  waren und sind wertvolle Überlebenshilfen in schweren und gefährlichen Zeiten und sie sind selbst in satten Friedenszeiten auf Dauer, zumindest für Gruppen gemeinsamen Glaubens, aber oft auch für die diese umgebende, anders oder nicht gläubige Gesellschaft, ein Wettbewerbsvorteil oder zumindest wünschenswert, wie das Beispiel mit den jüdischen Diamanthändlern und auch Cattons Beobachtungen über die  heute allgemein verbreitete “Taschdiebmentalität” zeigt. Die Übel, die Atheisten der Religion zuschreiben, haben oft völlig andere Ursachen.

10. April 2015 Christoph Becker

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  1.  Hitler, bzw. die Nazis erwähnt Hedges nicht ausdrücklich. Sie sind aber auch  kein so ganz klarer Fall von Atheismus.  Vielleicht auch, weil die evangelischen Kirche auch damals ihr Fähnchen in den Wind der Politischen Korrektheit des Zeitgeistes gehängt hat. Anderseits sind die Nazis ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie man diesen 10 % Schwarmtieranteil im Menschen mit einer politischen Pseudoreligion nutzen kann.  Religionen wie das Christentum haben anderseits, gerade auch in diesem Zusammenhang,  teilweise dämpfend und lindernd gewirkt.  

8 Gedanken zu „Warum Religion?“

  1. Hallo Herr Becker,

    der Link auf “Max Planck” führt ins “Nichts”; unter
    https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Planck
    finde ich allerdings den Artikel, auf den der Link verweisen soll.

    mfg
    Klaus Lepinat

    PS: Ihre Argumentation für einen Schöpfergott auf Grund des 2. Hauptsatzes halte ich nicht für zwingend; meiner Meinung nach konfundieren Sie das logische mit dem physikalischen Nichts. Siehe dazu auch “Nichts als das Nichts” von Henning Genz.

    Ansonsten: Kompliment für Ihre Website

    1. Danke. Was an dem Link auf den Wikipediaartikel zu Max Planck fehlte war das “https://”.
      Das mit dem 2. Hauptsatz mag nicht zwingend sein. Es ist aber offenbar so, dass der 2. Hauptsatz einerseits ganz grundsätzlich für alles gilt was wir beobachten und tun. Selbst unser Denken, dass so weit wir wissen immer auch ein biochemischer Prozess ist, erfordert Energie und steigert somit die Entropie des Universums. Anderseits war diese gigantische Menge hochwertiger Energie die seit dem Urknall alles materielle und auch unsere Gedanken (soweit wir sie als biochemischen Prozesse verstehen) möglich gemacht, hat einfach da. Wir kennen keinen Verstoß gegen den 2. Hauptsatz außer diesem einen, der ausgerechnet die Entstehung der größten, alles was wir kennen umfassende Menge und Konzentration der im Sinne des 2. Hauptsatzes hochwertigsten Energie, die es jemals in unserem Universum gab, betrifft, und der vor der von Planck ermittelten Planckzeit stattgefunden haben muss. Danke für den Hinweise auf Henning Genz. Ich habe gerade bei booklooker.de nachgesehen was es dort günstig von ihm gibt. Er hat wohl einige Bücher zu dem Thema geschrieben.

  2. Ich bin zwar Atheist, hänge aber keinem “naiven Aberglauben” an. Meine Religion ist Kunst, Wissenschaft und Philosophie. In dieser Weise kann auch diesem Abschnitt zustimmen:

    “In jedem Fall aber sind Religion und Religiosität Phänomene, die sich in der Evolution bewährt haben und die für den Fortbestand einer Gesellschaft vorteilhaft sind und die man pflegen und sicher nicht verachten sollte. …. Religion und Religiosität waren und sind wertvolle Überlebenshilfen in schweren und gefährlichen Zeiten und sie sind selbst in satten Friedenszeiten auf Dauer, zumindest für Gruppen gemeinsamen Glaubens …. ein Wettbewerbsvorteil…”

    Den Mythos eines Schöpfergottes finde ich zwar poetisch und rührend, doch vermag er für mich die Entstehung unseres und anderer Universen nicht zu erklären. Vielleicht ist ja der 2. Hauptsatz der Themodynamik nicht allgemein gültig, so wie es die Newton’sche Mechanik nach der Entdeckung der Relativitätstheorie auch nicht mehr war.

    “Das Problem mit dem Weltall und dem Ursprung des Universums ist nämlich, dass es ganz real, für uns jeden Tag sichtbar und fühlbar diesen Ursprung gegeben haben muss, obwohl das nach allen was wir wissen, insbesondere wegen des 2. Hauptsatzes der Wärmelehre überhaupt hätte passieren können.”

    Hier fehlen einige Kommas und ein “nicht”. Verbesserungsvorschlag:

    Das Problem mit dem Weltall und dem Ursprung des Universums ist nämlich, dass es ganz real, für uns jeden Tag sichtbar und fühlbar, diesen Ursprung gegeben haben muss, obwohl das nach allem, was wir wissen, insbesondere wegen des 2. Hauptsatzes der Wärmelehre, überhaupt nicht hätte passieren dürfen.

    Ich mache mir meine eigenen Vorstellungen, wie es zum Urknall kam, und ich finde diese viel überzeugender und wahrscheinlicher als die Annahme eines Schöpfergottes.

  3. Die bis heute gültige Formulierung des zweiten Hauptsatzes lautet: „Entropie kann erzeugt, aber niemals vernichtet werden“.

    Wird bei einem Prozess Entropie erzeugt, so ist er irreversibel, da Entropie gemäß dem zweiten Hauptsatz nicht vernichtet werden kann. Bei reversiblen Vorgängen bleibt die Entropie demnach konstant.

    Zu Plancks Entropieverständnis gehörte die Erkenntnis, dass das Maximum der Entropie dem Gleichgewichtszustand entspricht.

    So könnte doch der Urknall erklärt werden: Der Urknall führte zu einem Gleichgewichtszustand, also zu einer Zunahme der Entropie. Der Urknall musste ebenso zwingend stattfinden wie das Umfallen eines Bleistiftes, der auf seiner Spitze steht.

    1. Entropie kann man aber nur erzeugen, wenn und so lange ein Energiegefälle besteht, das irgendwer oder irgendwas aufgebaut hat. Der Begriff der Entropie ist ursprünglich nicht definiert worden um den Ursprung der Welt zu begreifen, sondern um Wärmemaschinen optimieren zu können. Dass daraus Überlegungen über Gott und den Ursprung der Welt folgen könnten war wohl nur eine Nebenwirkung. Um Gott und die Welt zu verstehen hätte man die Entropie vielleicht besser als ihr Gegenteil definiert, nämlich als “nützliche Energie”. Das Universum hatte zum Zeitpunkt des Urknalls die für alle Zeiten größtmögliche Menge nützlicher Energie, die dazu in einem einzigen Punkt gespeichert war. Dem entsprach, dass es Entropie des Universums zum Zeitpunkt des Urknalls kleinstmöglich war. Bezogen auf unser Universum war die Entropie beim Urknall also gleich null. Seitdem nimmt die Entropie zu während die “nützliche Energie” des Universums, also die Energie mit der man etwas machen oder die etwas bewirken kann, ab.

      Das Universum war damit zum Zeitpunkt des Urknalls im größtmöglichen Ungleichgewichtszustand. Seit dem Urknall nähert es sich immer mehr einen Gleichgewichstzustand an. Wenn es diesen erreicht hat ist es maximal kalt und tot. Die vorhandene nützliche Energie ist dann gleich Null während die Entropie dann ihr Maximum erreicht hat.
      So gesehen kann man schon sagen, dass der Urknall zwingend stattfinden musste. Nur wie konnte es zu einem derartigen Ungleichgewichtszustand kommnen? Viele haben versucht im Experiment oder mit dem Bau einer Maschine (Perpetum Mobile) zu zeigen, dass auch Menschen zumindest in kleinem Maßstab “Nützliche Enerige” aus dem Nichts schaffen und damit Entropie “vernichten” können. Alle diese Versuche sind fehl geschlagen und es gilt inzwischen als unmöglich ein Perpetum Mobile zu bauen. Trotzdem ist alles was wir sehen, denken und tun nur möglich weil da vor ca. 13 Milliarden Jahren jemand im extremst möglichen Maßstab getan hat, was uns selbst in kleinstem Maßstab unmöglich ist. So gesehen zeigt der 2. Hauptsatz und zeigt die Wissenschaft zumindest dass es zum Zeitpunkt des Urknalls einen Gott, also eine übernatürliche, extreme Macht gab. Man kann sich meines Erachtens höchstens fragen

    2. ob dieser Gott den Urknall überlebt hat
    3. ob und wie weit er sich für die Folgen der von IHM ausgelösten, von uns Urknall genannten, Explosion interessiert
    4. ob ER mit dieser Explosion einen Zweck verfolgt oder ob es sich nur um ein sinnfreies Experiment gehandelt hat
    5. ob dieser Gott ein Interesse an der Art und Weise und an der Beeinflussung der weiteren Folgen dieser Explosion hat
    6. Die Religionen sind zweifellos als Mittel zur Verbesserung der Kampfkraft und Überlebensfähigkeit von menschlichen Gruppen ein grundsätzlich nüztliches bis zwingend notwendiges Mittel – auch wenn sie oft missbraucht werden und sogar zur Ursache für den Untergang von Gesellschaften werden können. Religionen sind aber auch der behauptete, vermutete oder in machen Fällen vielleicht auch tatsächlich funktionierende Versuch mit dem für den Urknall verantwortlichen großen Feuerwerker oder dessen Personal zu kommunizieren, dessen Willen zu erkennen, und Ihm in Wort und Tat zu gefallen.

  4. Oje, da versacken wir ja immer tiefer in Neomalthusianismus, Sozialdarwinismus und sehen immerhin desssen enge Verbindungen zum modernen Antikommunismus: Auswahl der Massenmörder Stalin, Mao, Polpot, Ausblendung der Massenmorde der Gegenseite, die man mit Angelsachsen, Westblock, Kapitalismus, der sich selber ganz bescheiden “die Freie Welt” nennt, aber auf blutigstem Kolonialmassenmördertum basiert: Ausrottung von Millionen “Indianer” wird gern vergessen, ebenso weitere Verbrechen in Asien: Warum Stalin, Mao, Polpot, aber nicht die Zaren (mehr Tote als Stalin), Japans Kaiser (mehr Menschen massakriert als Mao), F/USA (Massenmorde übertreffen polpot locker -s.a. in west(!) dt. Lehrbüchern wegretuschierten Massenmord der CIA-gesteuerten Militärdiktatur in Indonesien 1964, an Kommunisten (!). Da feiert sich ein völlig einseitig verzerrtes Weltbild in seinen selbstbeweihräuchernden Illusionen, projiziert seine eigene egomanische Mordlust auf das “Wesen des Menschen an sich” und zeigt es dann noch an seinen politischen Gegnern (deren Verbrechen damit natürlich nicht gerechtfertigt sein sollen -Stalin war ein Massenmörder, sicher, aber Kissinger, Kennedy bis Bush&Obama aber auch). Übrigens merkwürdig, dass da Hitler, Mussolini, Franko & Co. vergessen wurden -ist der Faschismus generell ein blinder Fleck in diesem Weltbild? (So mit F.J.Strauß, CSU, wegerklärt vielleicht: “Der Nationalsozialismus war nur ein Sozialismus”) Dazu passt auch die naive Vermengung von natur- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen (dringend erstmal Fleck/T.S.Kuhn lesen!).

    1. Schön. Danke für den Hinweis, dass FJ. Strauß gesagt hat, dass der der Nationalsozialismus nur ein Sozialismus war. Das war und ist nämlich auch meine Feststellung. Das Spezielle der Nazis war eher nur, dass sie als “rechte” Linke im Gegensatz zu den linken Linken in dem Sinne vernünftiger und rationaler waren, dass ihnen die Begrenztheit der Ressourcen und der nachhaltig möglichen ökologischen Tragfähigkeit der Welt und der Länder bewusst war und dass sie, vor diesem Hintergrund versucht haben radikal die Interessen ihrer Klientel zu vertreten, während die SPD und die linke Linke die Interessen ihrer Klientel, und die Grünen sogar die Umwelt zu deren Schutz sie angetreten waren, und die CDU ihre Nächsten, radikal verraten und sich den Globalisten prostituiert haben. Die Nazis sind kollosal gescheitert, aber SPD, Grüne, linke Linke und CDU/CSU werden aller voraussicht nach mit ihrem Globalismus und ihrem naiven Fortschrittsglauben mindestens so kollosal scheitern wie die Nazis. Vermutlich wird deren Scheitern sogar noch wesentlich schrecklicher als das der Nazis. Den naiven Fortschrittsglauben hatten die Nazis mit unseren heute im Bundestag vertretenen Parteien und der heutigen Bevölkerungsmehrheit übrigens gemeinsam. Siehe zum Fortschrittsglauben auch meine Beiträge “Der Gott des technischen Fortschritts könnte tot sein” und Dem Energiedilemma auf den Grund gegangen.
      Ansonsten, sind mir fast alle der aufgeführten Massenmorde schon bekannt. Aber was hat man davon sich an die zu erinnern? Was kann man wirklich daraus lernen, im erste Viertel eines Jahrhunderts von dem man ziemlich sicher annehmen kann, dass die Weltbevölkerung an dessen Ende nur noch einen Bruchteil dessen betragen wird, was sie am Anfang des Jahrhunderts betrug? Mir fallen schon gut Antworten ein, wie ich in Weltweite Verschlechterung der Bodenqualität am Schluss angedeutet habe. Aber wer hört schon darauf? Ich sehe fast überall nur irre Fortschrittsgläubige, die wie Lemminge Richtung Abgrund streben.
      Beim Gedanken an Massenmorden der Nazis beunruhigt mich das was Christian Gerlach in seinem Buch Krieg, Ernährung, Völkermord. Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg wie ich meine sehr überzeugend herausgearbeitet hat: Die treibende Kraft hinter den den Massenmorden der Nazis war etwas ganz anderes als dass was man den Kindern in der Schule und der Bevölkerung mit Gedenkfeiern und per Fernsehen suggerieren will. Die Hauptursache für die Massenmorde der Nazis war die Furcht vor einer Wiederholung der Hungersnot von 1917/18 die seinerzeit ein Hauptgrund für die Revolution im November 1918 gewesen zu sein scheint. D.h., die Nazis haben Millionen Menschen systematisch umgebracht um die Ernährungslage für ihre eigene, deutsche Bevölkerung trotz Krieg und Seeblockade zu stabiliseren.
      William Catton meint in Overshoot: The Ecological Basis of Revolutionary Change, dass die Nazis und ihre Verbrechen wohl nur ein schreckliches Vorspiel gewesen sein werden, und dass sich andere Völker gezwungen sehen könnten in Zukunft ähnlich zu handeln.
      Heute Morgen habe ich mir den Vortrag “Energy Revolution? More like a Crawl” von Vaclav Smil noch einmal angehört. Smil erwähnt dort nebenbei, dass ca. 45% er Weltbevölkerung nur Ernährt werden können, weil per Haber-Bosch-Verfahren mit Hilfe von Fossilen Energieträgern, heute meist Erdgas, Stickstoffdünger produziert wird. Anderseits werden die Autos immer schwerer, die Globalisierung und “Just in Time” haben die Energieverschwendung ziemlich abartig gesteigert und als wenn das nicht reichen würde, versuchen nun unter anderem China und Indien auch noch den westlichen Lebensstil für möglichst große Teile ihrer Bevölkerung zu realisieren. Die fossilen Energieträger sind aber nur endlich vorhanden und für ihre Förderung wird immer mehr Energie benötigt.
      Vor diesem Hintergrund möchte ich hier auf zwei Interviews aufmerksam machen, die ich gerne übersetzen würde, wenn ich mehr Zeit hätte:

    2. Chris Martenson mit Arthur Berman, vom 3. July 2016: Art Berman: The Coming Moonshot In Oil PricesToday’s low prices mask an approaching supply crunch. Die niedrigen Ölpreise sind für viele Unternehmen nicht annähernd kostendeckend und haben zu einem ziemlich extremen Rückgang der Investitionen in die Entdeckung und Erschließung von Ölquellen geführt. Das wird in den nächsten Jahren zu einer ziemlich krassen Verknappung und Ölpreisexpolsion führen, die die die Weltwirtschaft aller voraussicht nach nicht wird verkraften können.
    3. KunstlerCast 278 — Alice Friedemann — When the Trucks Stop Running. James Howard Kunstler ist unter anderem der Autor der Sachbücher The Long Emergency: Surviving the End of Oil, Climate Change, and Other Converging Catastrophes of the Twenty-First Century und Too Much Magic: Wishful Thinking, Technology, and the Fate of the Nation und der auf diesen Sachbüchern aufbauenden, futuristischen Romanreihe mit World Made by Hand, The Witch of Hebron, “A History of the Future” und “The Harrows of Spring”. Alice Friedemann ist die Betreiberin von energysceptic.com und die Autorin des bei SpringerBriefs in Engery erschienen Buches When Trucks Stop Running: Energy and the Future of Transportation. Einige Punkte des Interviews: Das Transportwesen wird nicht auf Elektromobilität umgestellt werden können. Mehre Berechnungen kommen zu dem Schluß, dass die nachhaltig mögliche Bevölkerung der USA bei nur ca. 100 Millionen Einwohnern. Das ist weniger als ein Drittel der heutigen Bevölkerung, die nach wie vor zunimmt. Jeder rationale, nachdenkliche Mensch müsse eigentlich zu der Einsicht kommen, dass unsere moderne Industriegesellschaft nicht erhalten werden kann. Eine wesentliche Motivation von Frau Friedemann für ihren wirklich sehr interessanten Blog sei sei mehr junge Menschen in ihrer Umgebung dazu zu bringen lieber ein Handwerk lernen oder (nachhaltige) Landwirtschaft zu lernen, und nicht (zukunftslose Studiengeänge wie) Jura oder Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Leider habe sie wenig Erfolg gehabt. Kunstler fragt sich ob sich Japan nicht vielleicht als erstes ins Mittelalter verabschiedet und ob vielleicht das Japan des Mittelalters ein Vorbild für eine künftige Gesellschaft sei.

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